Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 6.1896

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Eduard Winkelinann

(geh. 25. Juni 1838, gest. 10. Februar 1896) J.

Wir sind versammelt, einem Toten letzte Ehrung und letztes Geleit
darzubringen — die Hochschule einem langjährigen ausgezeichneten
Mitglied, der akademische Lehrkörper einem treuen Freund und Genossen
seiner Arbeit, die studentische Jugend einem unermüdlichen, verdienst-
vollen Lehrer.

Der Verlust, den wir erfahren, trifft uns nicht unerwartet. Seit
Jahren schon sind wir Zeugen gewesen eines erschütternden und rührenden
Kampfes, des Kampfes einer starken Mannesseele gegen einen unheilbar
siechen Körper. „Leiden ohne Klagen“, lautete das Wort eines be-
rühmten Schicksals- und Zeitgenossen: wir haben die Bethätigung des
Spruches auch in dem Leben und Sterben unseres Freundes vor Augen
gehabt, und in die Trauer um den Verlust mischt sich das Gefühl warmer
Bewunderung für diesen stillen Mann der Wissenschaft, der zugleich ein
so heldenhafter Kämpfer war wider einen übermächtigen Feind, wider
unsäglich schmerzvolle Qualen, denen er sich nicht beugte, fast bis zu
seiner letzten Stunde.

Fast bis zu seiner letzten Stunde hat er uns angehört, hat er seiner
Wissenschaft angehört. Den Genossen des engeren Fakultätskreises
ist es bekannt, mit wie regem selbstthätigen Anteil er noch in den
jüngsten Wochen und Tagen sein Interesse auf die gemeinsamen An-
gelegenheiten und Geschäfte richtete, und in dem Lektionskatalog des
nächsten Sommersemesters kündigte er noch eine neue Vorlesung an,
die er in diesem Umfang bisher nicht gehalten hatte und mit der er
sich eine beträchtliche neue Arbeitslast aufzulegen gedachte. Vor allem
aber gehörte er bis zuletzt seinen wissenschaftlichen Arbeiten an, und

1) Gedächtnissrede, bei der akademischen Trauerfeier in der Aula der Uni-
versität am 12, Februar 1896 gehalten von Geb. Hofrat Professor Erdmannsdörffer.
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