Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 6.1896

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Zur Hygiene der Arbeit.1)

Von

E. Kraepelin.

In den sehnsüchtigen Kindheitsträumen der Völker begegnen wir
öfters der Vorstellung eines längst entschwundenen, reinen Glückszu-
standes, eines Zeitalters sorglosen Genusses in ungebrochener Jugendkraft,
frei von Schmerz und Krankheit, frei auch von den Mühen der Arbeit.
So schildert die Schöpfungssage der Bibel das Glück des Paradieses als
ein thatenloses Geniessen; erst nach dem Sündenfalle kommt mit andern
Übeln die Arbeit in die Welt. „Im Schweisse Deines Angesichts sollst
Du Dein Brot essen“, spricht der Herr strafend zum ersten Menschen
und drückt dadurch der Arbeit den Stempel seines Fluches auf, den die
Menschheit unter der Herrschaft der Sünde zu tragen verdammt ist.
Kein Wunder daher, dass auch die gläubige Hoffnung auf ein himm-
lisches Paradies in ihm der Arbeit keine Stätte hat einräumen können!
Noch heute ist diese aus dem Grunde der Volksseele geborene Anschau-
ung von dem Fluche der Arbeit unter uns lebendig. Es hat einen tiefen
Sinn, wenn der vierte Stand das Elend seiner Lage nicht besser zu kenn-
zeichnen versteht, als durch seine Verkettung mit der Arbeit. Wie der
Sklave zum Freien, so soll der Arbeiter in Gegensatz gestellt werden
zum Geniessenden, die Mühsal des täglichen Kampfes ums Dasein zum
sorglosen Nichtsthun des Schlaraffenlebens.

Der Wahrheitskern, der in diesen Vorstellungen steckt, ist unschwer
aufzufinden. Jede Arbeit ist mit der Überwindung von Hindernissen und
Schwierigkeiten verknüpft; sie führt zur Ermüdung, zum Gefühle der
Schwäche und Mattigkeit, und zerstört damit das frische Behagen am
Dasein. Ja, sie verbraucht unsere Kräfte, zehrt an Körper und Geist
und kann uns dem Siechtume in die Arme treiben. Zudem fordert sie
von uns die wertvollste Zeit unseres Lebens und zwingt uns in ein

1) Vortrag, gehalten am 19. August 1896 auf der Gewerbeausstellung in Berlin.
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