Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Hrsg.]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 12.1903

Seite: 73
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Das Priamel.

Beiträge zur Volkspoesie.

Von

Karl Ealing1.

Jede bestimmt ausgebildete eigenartige Poesie
ist um so mehr, je natürlicher und spontaner sie
auftritt, Produkt und Eigentum nicht einer Race,
einer Völker-oder Sprachenfamilie, sondern einer
nationalen Individualität und einer Sprache.

Covnparetti.

Trotz aller romantischen und spekulativen Schwärmerei hat das
deutsche Volk immer zugleich die Richtung auf das Praktische bewahrt.
Ein Lessing war aller Romantik und Mystik abhold, und Herder sah
den poetischen Charakter der Deutschen wesentlich in Biedersinn und
Hausverstand, in treuherziger Lehrhaftigkeit. Wenn nun auch das Zeit-
alter der Aufklärung, wie sich wieder in diesem Urteil zeigt, der Tiefe
und Idealität deutschen Wesens nicht gerecht zu werden scheint, so
beweist doch die Entwicklung der germanischen Litteratur von den
Dichtern der Havamal bis Goethe eine so unverkennbar glänzende Be-
gabung unsres Volkes für die Gnomik, wie sie, das indische vielleicht
ausgenommen, kaum ein andres besessen hat.

Es ist mit Recht beklagt, dass in der Literarhistorischen Forschung
die Gnomik, das wichtigste Kapitel einer nationalen Ethik, bisher ver-
hältnismässig vernachlässigt wurde. Allerdings wandte schon Wilhelm
Grimm seine liebevolle Sorgfalt der Spruchdichtung Freidanks zu, und
Hermann Paul hat an Wilhelm Grimm wieder angeknüpft. Uhland gab
in seiner bewunderungswürdigen Abhandlung über die deutschen Volks-
lieder manchen lehrreichen Einblick in die Stoffgeschichte der germani-
schen Gnomik, Müllenhoff behandelte mit charaktervoller Gründlichkeit
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