Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 5.1887

Seite: 58
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EINE BÜSTE DES GIROLAMO FRACASTORO.

Von

Dr. Albert Ilg.

Zukunft gedeutet

ie folgenden Zeilen haben die Aufgabe, das Bronzebildniss eines der gefeiertsten Ge-
lehrten und Aerzte im humanistischen Zeitalter zu erörtern. Es wird daher nothwendig
sein — wenn auch in knapper Form — das Wichtigste aus der Lebensgeschichte des
Dargestellten an dieser Stelle vorauszuschicken.

Girolamo Fracastoro — Fracastorio, Frastorio — wurde zu Verona im Jahre
1483 geboren, wo seine Familie sich alten Ansehens erfreute. Wunderliche Zufälle
aus der frühesten Kindeszeit wurden ihm später als Prodigien einer bedeutenden
So, dass die Mutter des Neugebornen, Mascarellia aus Vicenza, als sie das Kind auf
dem Arme trug, vom Blitze getödtet worden war, während dieses unverletzt verblieb; dass er mit beinahe
zugewachsenen Lippen zur Welt kam, die der Arzt künstlich öffnen musste.1 Das vornehme Haus bot
dem Knaben eine ausgezeichnete Erziehung; herangewachsen, vertauschte er aber die häusliche Schulung
mit dem Studium in Padua, wo Mathematik, Philosophie, Physik, Medicin und Kosmographie mit beson-
derem Eifer betrieben wurden. In der Philosophie war Petrus Pomponatius aus Mantua sein Lehrer. Er
schloss sich dort an gleichgesinnte und mitstrebende junge Freunde an, von denen die Söhne des damals
hochgeachteten veronesischen Arztes Girolamo Turriano, Giovanni Battista Marcantonio und Raimondo
(Rhamundus), sowieGiamb. Rhamnusius die hervorragendsten waren.2 Seine ausserordentliche wissenschaft-
liche Begabung befähigte den Jüngling rasch zu selbstständigem Wirken, so dass er schon i5oi, also im
neunzehnten Lebensjahre, als Lehrer der Logik in Padua auftreten konnte, welches Collegium Fracastoro
daselbst bis i5o8 gelesen hat. Die damals entbrannten Kriegsunruhen unterbrachen indess seine Thätig-
keit, die Paduaner Universität wurde geschlossen. Der venezianische Anführer, Bartolomeo Liviano, ver-
anlasste jedoch, dass der Gelehrte nunmehr sein Wirken nach Pordenone übertrug, wo damals eine neue
Lehranstalt gegründet worden war, und auch seine Genossen Andrea Naugerius und Giovanni Cotta3
folgten ihm dahin. Bei wieder ausbrechendem Kriege begleitete er Liviano auch auf das Schlachtfeld.
Um diese Zeit trat Fracastoro auch als Dichter in lateinischer Sprache hervor. Sein berühmtes didaktisches
Poem, »Syphilis«, worin er, der Form nach dieGeorgica Vergil's nachahmend, die zu jener Zeit verheerend
aufgetretene Lustseuche, die französische Krankheit, schilderte und, vom ärztlichen Standpunkt deren

1 Darauf sang später Giamb.Marino: Fracastore nascente Mancö la bocca, allora il biondo Dio, Con arte diligente Di sua
man gliela fece, e gliel aprio etc.

2 Der alte Turriano war Fracastoro's Lehrer gewesen. Siehe dessen Dialogus de Poetica, Praefat.

3 Geboren im Veronesischen, Dichter imCatullischen Stil, früh gestorben und von Fracastoro in seiner Elegia ad Io.Bapt.
Turrianum beklagt.
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