Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 15.1894

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PAULUS VAN VIANEN.

Von

Heinrich Modern.

' ines der hervorragendsten Capitel der Geschichte der Kunstpflege in Oesterreich
wird stets die Regierungszeit Kaisers Rudolf II. bilden. Ihm war die Förderung
aller culturellen und wissenschaftlichen Bestrebungen, der Kunst auf allen ihren
Gebieten höchster und letzter Zweck. Gelehrte und Dichter, Antiquare, Bau-
meister, Bildhauer, Maler, Goldschmiede, Edelsteinschneider, Kupferstecher,
Waffenschmiede, Seidensticker, Bildschnitzer, Medailleure, Kunsttischler, Ver-
golder wurden aus dem Vaterlande und aus aller Herren Ländern in Prag ver-
sammelt; die Kammer- und Hofkünstler erhielten feste Gehalte, Naturalquartiere, Freitische, Remune-
rationen, Gelegenheitsgeschenke und fürstliche Bezahlung für die ihnen gewordenen Aufträge. Waren
bei Rudolfs ständiger Finanznoth auch häufige Rückstände unvermeidlich, so war es doch das stete
und ernste Bemühen des Kaisers, seinem künstlerischen Hofstaate die reichen Mittel zur Verfügung zu
stellen, welche die nothwendige Bedingung für das Sammeln der Kunstschätze verflossener Zeiten in
ganz Europa und die Neuschöpfung so herrlicher Werke in grosser Zahl auf allen Gebieten der Kunst
und des Kunstgewerbes waren, die seine berühmte aber noch niemals so recht gewürdigte Sammlung
bildeten.

Zu den hervorragendsten Künstlern am Hofe Rudolf II. zählt Paulus van Vianen. Es ist ein
Verdienst des vielkritisirten und zu wenig studirten Sandrart, uns einige Daten über das Leben Paul
van Vianen's mitgetheilt und seine Bedeutung als Künstler mit kräftigen Worten betont zu haben.
Fast zwei Jahrhunderte blieb Paul van Vianen, der zu seiner Zeit verdientermassen europäischen Ruf
hatte, verschollen und vergessen; kaum dass die dürftigen Notizen Sandrarts auszugsweise von Kunst-
schriftstellern abgeschrieben wurden. Verschiedene Specialausstellungen in den Niederlanden und in
Deutschland brachten einzelne seiner Werke ans Tageslicht und lenkten von Neuem die Aufmerksam-
keit auf diesen in jungen Jahren aus seinem Heimatslande ausgewanderten Künstler. Die so emsig
ausgebeuteten holländischen Archive boten über ihn nur spärliche Nachrichten; diese nach Möglichkeit
zu ergänzen, über sein Leben und hauptsächlich über sein Schaffen neues ergiebigeres Licht zu ver-
breiten, ist der Zweck dieser Studie.

Sandrart berichtet uns in seinem Werke: »Teutsche Academie«, Nürnberg, Miltenberger, 1675,
über das Leben des Paulus van Vianen Folgendes:

»Paulus van Viana wurde nach seines Vaters Namen so geheissen; ob sie denselben von dem
schönen Städtlein Viana bei Utrecht anfangs geschöpft, ist mir unwissend, dieses hingegen aber nicht,
dass desselben Vater ein sinnreicher Silberarbeiter zu Utrecht gewesen und beide seine Söhne, als
Paulum und Adamum, gar emsig zu der Zeichenkunst, dem Wachsbossiren und allerlei Arbeit in Silber
zu treiben angehalten, dadurch sie dann auch beide sehr berühmt worden. Paulus hatte grosse Begierde
und Lust zu denen Bildern und Historien, deren höchste Wissenschaft zu ergründen er sehr verlangt,
deswegen er dann nach Rom sich erhoben. ... Er war eines schönen Gemüths und machte sich bei
jedem nach Vermögen beliebt; doch wurde er auch aus Neid wegen seines besondern Lobs für einen
Gotteslästerer unrechtmässiger Weise gehalten, deswegen er dann zu Rom in der Inquisition etliche
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