Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 25.1905

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ÜBER ENTWÜRFE VON RUBENS ZU ELFENBEINARBEITEN

LUCAS FAIDHERBES.

Von

Gustav Glück.

«Soweit wir zu urteilen imstande sind, war es vielleicht eines der
glücklichsten Ateliers, von welchen wir Kunde haben. Neben den sonstigen
menschlichen und künstlerischen Eigenschaften des Meisters kann man sich
ihn schier nicht anders als einen höchst vollkommenen Lehrer vorstellen und
auf diesen scheinen alle diese Kräfte nur gewartet zu haben. Unter seinen
Augen entwickeln sie nun nicht eine knechtische Nachfolge, sondern ihre
höchst achtbare Selbständigkeit; sie werden keine Manieristen, weil sie nicht
die Empfindungsweise des Meisters nachahmen sondern seinen Grundsätzen
und Kunstmitteln nachfolgen.» Jakob Burckhardt.

In dem reichen Schatze von Zeichnungen, den die Albertina von
Rubens' Hand bewahrt, befindet sich eine prächtige, leicht mit roter Farbe
angelegte Kreidezeichnung, die aus dem Besitze des geistreichen Fürsten von
Ligne stammt.1 Dargestellt ist in ganzer Figur Bacchus als Knabe; aufrecht-
stehend hebt er den Kopf empor, um sich den Saft einer Weintraube, die er
mit der rechten Hand zerdrückt, in den Mund fließen zu lassen; im linken
Arme hält er einen weiteren Vorrat von Trauben; um die Lenden trägt er
einen Schurz, der nach hinten gerutscht ist, sonst ist er nackt (Taf. VIII). Ver-
geblich sucht man nach einem von Rubens' Bildern, wo dieses Figürchen
verwendet worden wäre, und obwohl im Hintergrunde die Andeutung eines
Bäumchens zu finden ist, macht es den Eindruck, als ob die Komposition
nicht für ein Werk der Malerei sondern für ein Werk der Rundplastik erdacht
wäre. In der Tat findet man sie verwendet, und zwar überaus glücklich ver-
wendet als Deckelgriff eines der schönsten Elfenbeinpokale, die das kunsthis-
torische Hofmuseum in Wien besitzt (Fig. i). Der Elfenbeinschnitzer hat das
Motiv fast völlig unverändert übernommen, nur ist die Bewegung des Figür-
chens etwas leichter, mehr tänzelnd geworden, der Körper ein wenig anders
gedreht, der Lendenschurz fortgeblieben und um das Haupt des Knaben legt
sich hier ein Kranz von Weinlaub.

Bei dem Schmucke des Gefäßmantels (Fig. 2), der in kräftigem Relief
den Zug des trunkenen Silen enthält, hat man schon früher den starken Ein-
schlag Rubensschen Stiles bemerkt. Den Mittelpunkt der ganzen Komposition
bildet der feiste Silen, dessen weinlaubbekränztes Haupt sich schwer auf die
Brust senkt und dessen Rechte eine Traube hält, während die Linke einen Krug
trägt, aus dem sich in Strömen der Wein ergießt. Unterstützt wird der Schwan-

1 Max Rooses, I.'Oeuvre de Rubens V, Nr. 1459.
XXV.

Fig. I. Deckelfigur
des Elfenbeinbechers

von L. Faidherbe
im kunsthistorischen
Hofmuseum.
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