Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 25.1905

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KINDERBILDNISSE AUS DER SAMMLUNG MARGARETENS

VON ÖSTERREICH.

Von

Gustav Glück.

argarete von Österreich, die Tochter Maximilians I. und Witwe Philiberts II. von
Savoyen, gibt uns durch ihren Kunstbesitz, dessen Umfang und Inhalt aus ver-
schiedenen sorgfältigen Inventaren1 bekannt sind, Beweise eines sehr feinen
und zugleich eines höchst persönlichen Geschmackes. Durchblättert man diese
Inventare, in denen an tausend verschiedene Dinge, darunter Bilder, Skulpturen,
Goldschmiedarbeiten und andere kunstgewerbliche Gegenstände, Gobelins, An-
tiken, Medaillen, Raritäten aller Art und endlich eine für diese Zeit sehr wert-
volle und umfangreiche Bibliothek verzeichnet sind, so gewinnt man den Eindruck, daß die Fürstin an
jedem einzelnen von diesen Dingen mit wahrer Liebe gehangen sei, daß jeder einzelne Gegenstand ihr
eine werte Erinnerung verkörpert habe. Sie hegte und pflegte ihre Schätze aufs sorgsamste und hatte
fast an allen Wänden ihrer Zimmer seidene Vorhänge anbringen lassen, um die Bilder und anderen
Kunstwerke vor den schädlichen Einflüssen des Sonnenlichtes zu bewahren.

Ein besonderes Verhältnis hatte sie zur Malerei: sie handhabte selbst den Pinsel in den Muße-
stunden, die ihr die Politik, die sie immer mit all ihren Kräften zum Vorteil und zur Ehre des Hauses
Habsburg betrieb, oft wohl nicht in allzu reichlichem Maße übrig ließ. Ein Zeitgenosse rühmt ihre
große Geschicklichkeit im Selbstporträt und fügt bei, sie habe viele weibliche Bildnisse, aber kein ein-
ziges männliches geschaffen. 2 Leider wissen wir nicht, wer Margareten in den Anfangsgründen der
Malerei unterwiesen hat. Man möchte vermuten, daß es ein Maler war, dem äußerst sorgsame Durch-
führung über alles ging. Denn seine Schülerin hatte, wie es scheint, ihr Leben lang keine Vorliebe
für große Gemälde, deren sie nur ganz wenige besaß; ihre volle Neigung galt kleinen, höchst fleißig
ausgeführten Bildchen. Sie nannte mehr als ein Dutzend kleiner Madonnen ihr Eigen, darunter solche
von Jan van Eyck, Foucquet und Bouts; ihr Liebling unter diesen Madonnen war aber eine von der
Hand des Hofmalers Isabellas der Katholischen, Michiel.3 Von demselben Meister besaß Margarete noch

1 Über den Druckort dieser Inventare und ihr gegenseitiges Verhältnis vgl. Heinrich Zimmermann im III. Bande dieses
Jahrbuches, S. XCIII, Anm.

2 Antoine du Saix, Oraison funebre de Marguerite d'Autriche (1532), zitiert von Pinchart bei Crowe und Cavalcaselle,
Les a'neiens peintres flamands, Brüssel 1862/3, II, S. CCCVIII: «Cependant si ne fault-il laisser ä magnifier la subtile excellence
de bien paingdre, qui estoit en nostre parangonne et primeraine femme, car eile eut cela ä partir et en soci&e" avecques
Maria, poinetresse romaine, que, en regardant au mirouer, trefait et exprima son effigie si semblable ä sa vive face, par
justes traicts, couleurs approprife et esgalle proportion de bouche, que les painetures fainetes et artificielles en ont deceu
plusieurs qui les pensoient nai'fves et naturelles. Item, Ia bonne dame paingnit maints visaiges de femme, mais d'homme point.»

3 «Item une petite Nostre-Dame, fort bien fecte a ung manteau rouge, tenant une heure en sa main, que Madame ap-
pelle sa mygnonne»: Jahrbuch der kunsthistor. Sammlungen III, S. XCIX, Nr. 146. Dazu vgl. Le Glay, Correspondance II,
481: «Une autre petite Nostre-Dame, disant ses heures, faict de la main de Michiel, que Madame appelle sa mignonne, et

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