Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 25.1905

Page: 236
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1905/0240
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
236

Gustav Glück.

Erzherzogin Isabella (geb. am 18. Juli 1501), die spätere Königin von Dänemark, im Alter von einem
Jahre und drei Monaten («Madame Ysabiau en laige de ung an et III mois»).1 Die einzelnen Bild-
nisse sind nicht von hohem künstlerischen Wert, aber sehr reizvoll durch die, wie es uns scheinen
will, ungemein treue Wiedergabe der Züge und der Kostüme. Besonders entzückend ist das Bildchen
Isabellas, die in ihren beiden Händchen ein in die Tracht der Zeit gehülltes Püppchen hält und deren
Kleidung an die jenes frühverstorbenen Dauphins Karl Roland erinnert.

In dem von Le Glay veröffentlichten Inventar der Kunstsammlungen Margaretens von 1516
kommt nun ein Stück vor, das ganz zu diesem Dreibilde paßt: «Ung petit tableaul ä trois feuilletz du
roy et de madame Lyenor et Ysabeaul, ses seurs, quant ilz estoient bien josnes.» Da dieses Triptychon
in dem späteren Inventar von 1524 nicht mehr erscheint, so ist es sehr wahrscheinlich, daß Margarete
es in der Zwischenzeit ihrem kaiserlichen Vater geschenkt hatte, besonders da sie noch andere Bildnisse
ihrer Geschwisterkinder besaß.2

Unser Triptychon muß, nach den Altersangaben zu schließen, in der Zeit vom 25. August bis zum
15. November 1502 entstanden sein. Damals befanden sich die fürstlichen Kinder in Mecheln unter
der Obhut ihrer Stiefurgroßmutter Margarete von York, der sie Philipp der Schone, als er im No-
vember 1501 mit seiner Frau nach Spanien reiste, anvertraut hatte. Den Vater, der bald auch seine
hochschwangere Frau verließ, um fast ganz Europa zu bereisen, haben die Kinder erst nach vollen
zwei Jahren wiedergesehen: am 9. November 1503 traf er wieder in Mecheln ein, wo, wie Fugger
erzählt, «sein erstes Thun war, daß er seine Kinder herzete, und deren Erziehern vor die getreue Auf-
sicht dankte».

Wer war nun der Besteller der Aufnahme der Kinder, die bald durch Philipps Tod und Johannas
Wahnsinn Waisen werden sollten? Man könnte an Margarete von York denken; da aber Margarete von
Osterreich die Bildnisse später in ihrem Besitze hatte, so wird sie wohl auch die Bestellerin gewesen
sein. Seit dem Herbste 1501 hatte sie die Niederlande verlassen, um mit ihrem Gemahl Philibert nach
Savoyen zu reisen, und dort mag sie sich nach den Kindern ihres Bruders gesehnt haben, für die sie
bisher neben ihrer Namensschwester von York am meisten gesorgt hatte. Oder sollte Margarete von
York Philipp den Schönen bei seiner Wiederkunft mit dieser Aufnahme seiner Kinder überrascht
haben? Jedenfalls sind es diesmal sicherlich keine politischen sondern rein persönliche Motive, denen
die Bildnisse ihre Entstehung verdanken.

Wer der Maler ist, weiß ich nicht zu sagen. Von den bekannten Hofmalern Margaretens ist es
gewiß keiner. Sollte man an Jakob van Lathem denken, den einzigen Künstler, der, so viel wir
wissen, den Titel eines Hofmalers Philipps des Schönen geführt hat?3

Jedenfalls haben unsere Bildchen einen eigentümlichen Wert als die frühesten Bildnisse, die wir
von Karl V. und seinen beiden ältesten Schwestern besitzen. Die späteren Bildnisse Leonorens und
Isabellas hat Karl Justi4 zusammengestellt und mit einander verglichen. In der letzten Zeit sind noch
zwei Stücke bekannt geworden, die darauf Anspruch machen, als Bildnisse Isabellas von Dänemark zu
gelten. Das eine davon, im Besitze des Grafen Tarnowski in Dziköw, das H. Hymans veröffentlicht hat,5
führt seinen Namen, wie schon die zusammengefügten Buchstaben Y des Goldschmuckes der Haube
beweisen, mit vollem Recht. Die steife Anordnung und die nüchterne Behandlung lassen aber, wie

1 Friedrich Kenner (a. a. O., S. 110) erkennt in diesem Bilde das Porträt Isabellas von Portugal, der späteren Braut
Karls V., die aber in dem Jahre, in dem diese Bilder gemalt sein müssen, noch nicht am Leben war.

2 Le Glay 482: «Trois portraictures faictes sur thoille ä la semblance de mes dames Lyenor, Ysabeaulx et Marye
seurs du Roi. — Autre paincture sur thoille ä la semblance du roy, lui estant josne prince, assez mal faicte.» (Diese Bild-
nisse kommen auch im Inventar von 1524 unter Nr. 857 vor.) Le Glay 483: «Autre petit tableaul double du Roy, son frere
[Ferdinand I.], et deux de ses seurs estant bien josnes.» (Fehlt im Inventar von 1524.)

3 Jakob van Lathem tritt 1493 in die Antwerpner Gilde ein und wird am 22. Januar 1504 mit demTitel eines «paintre
du roy» (Alexander Pinchart, Archives I, p. 244) und noch im Jahre 15 16 als «scildere onser genadigsten Heere des Coninckx
van Castillie» (Karls V.) erwähnt (Rombouts en Van Lerius, Liggeren I, S. 46).

4 In der schon erwähnten Studie: Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. VI (1895).

5 Onze Kunst II (i9o3), p. 114.
loading ...