Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

Page: 1_046
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1923_1925/0052
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
46

Ludwig Baldass. Sittenbild und Stilleben im Rahmen des niederländischen Romanismus.

den Mittelpunkt zu setzen und den Menschen ihm unterzuordnen. Ein Jahrzehnt liegt zwischen
beiden Werken. Der jüngere Künstler gibt nicht mehr eine Fülle von Einzelmotiven sondern
ein einziges Motiv in monumentaler Steigerung. Nicht mehr die Unterordnung des Menschen
unter den toten Gegenstand ist die kühne Neuerung sondern der Verzicht auf die Vielheit
zugunsten der Einheit. So schafft hier Bueckelaer zwar nicht sein vorgeschrittenstes, aber sein
selbständigstes Werk. Die Lösung aber lag in der Luft; denn auf anderem Wege kommt der
bedeutend kleinere Meister Marten van Cleve zu einem ähnlichen Resultate. Bei seinem Werke
handelt es sich nicht um die Lösung des Problems, das Verhältnis von Mensch und Stilleben
umzukehren. Sein Wagnis ist es bloß, ein Stück Hintergrund von der Gesamtdarstellung los*
zulösen, einen Bildausschnitt in ein selbständiges Werk umzuwandeln. Seine Art der Stilleben«
artigen Auffassung ist der der Venezianer, der Bassanos, verwandt. Sie besteht in einer malerischen
Häufung einzelner Gegenstände, von denen doch jeder für sich bleibt. Dies ist selbst auf
seiner vorgeschrittensten und selbständigsten Schöpfung, dem ausgeweideten Ochsen, zu beob»
achten. Er setzt die alte Tradition fort und es ist bezeichnend, daß er schließlich in der Kunst
Bruegels untergeht. Bueckelaer steht neben Bruegel, vollkommen unbeeinflußt von seiner Kunst.
Später werden nicht die Bassani sondern die Venezianer großen Stils seine Lehrmeister. Mit der
Tradition hat sein geschlachtetes Schwein nichts mehr zu tun. Es steht mit Bruegels reifen
Werken an der Schwelle einer neuen Kunst.

Abb. 38. Pieter Aertszen, Gemüsehändlerin.

Antwerpen, Sammlung Spmyt*Queveauvillers.
loading ...