Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 27.1911-1912

Seite: 274
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WINTER AUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SECESSION

Kultbild mit seiner starren Herzlosig-
keit, des Lebens warmes Abbild
wünscht und scharrt. i
Bäuerliche und verwandte Motive 1
bringen neben Roux besonders Kruis 1
(„Sarnthaler Bauern", Abb. S. 274),
Jarocki („Huzulen", Abb. S. 291,
„Blinde Bettler", aber auch der mon- (
däne „Skiläufer", Abb. S. 282, der |
Typus des „schönen Mannes aus |
Oesterreich"), Wieden („Bäuerin und I
Kind", „Zigeunerinnen", Abb. S. 292) I
und Offner („Weinlesefest") mit j
Sachkenntnis, Vergnügen und Gelin-
gen zum bildlichen Ausdruck.

Engelhart sagt uns diesmal we- <
niger als in früheren Tagen, da er un- J
seren Weg gekreuzt; Lenz hat mit
seinem Gemälde „Eine Welt" (Abb. |
S. 275) ein mehr novellistisches als rein ]
malerisches Werk geschaffen, aber es I
ist unverkennbar, daß vor seinem
Bild das Publikum sich am längsten
aufhält, daß es also die „soziale
Funktion" der Kunst am ausgespro- <
chensten erfüllt; Grom-Rottmayer j
endlich, von dem ich in dieser Reihe i
zuletzt rede, ist in mehr als einer (
Hinsicht der unwienerischeste seiner (
Genossen. Das Schul-Münchnertum, '
das Herterich-Atelier bekundet sich in j
Ferdinand kruis sarnthaler bauern jedem seiner flotten, saftigen Pinsel-

Ausstellung der Wiener Secession in München Striche. Der dekorative Zug Seines

Meisters kehrt bei ihm wieder, ob i

[ mit eindringlichem und klugem Eifer angesehen er nun eine kokett elegante Karnevalsszene j

zu haben. Auf derben Gäulen läßt Roux, der hinsetzt (ein Pierrot huldigt einem üppig-

I Breughel-Adept, seine farbenfroh gekleideten schönen schwarzen Domino) oder in der großen (

I Lungauer Bauern durch die beschneite Land- Allegorie „Kraft und List" (Abb. S. 272) den j

I schaft reiten, und wie er ihre Gestalten ein vielbekannten schwarzen Ritter der Herterich- <

' wenig grotesk-eckig formt, das Bunt ihres Ge- Schule wieder zum Leben ruft. Tüchtige Por-

wandes zu dem Schnee-Weiß in Akkord setzt, trätisten sind Zerlacher (Abb. S. 287) und

das ist ganz eines begeisterten Schülers Art. Bacher, einen Spezialisten der Interieurmalerei

I Wie denn dieses fruchtbare und ehrenvolle Stu- mit einem diskreten Einschlag von „nature i

dium sich auch in manchem anderen Werk von morte" (in diesem Fall liebevoll wiederkehrende ]

i Roux unverkennbar feststellen läßt(Abb. S. 283). graue Archivakten) lernen wir in Alois Hänisch

Oesterreichische —vielleichtsagte ich besser: kennen. Stilleben wie Städtebild meistert der I

1 tschechische oder slowenische — Madonnen in Dachau ansässige Karl Thiemann.

haben Vlastimil Hofmann (Abb. S. 269) und Kommt auf die zahlreich vertretenen Land- '

HansTichy ausgestellt: Werke, die, so wesens- Schafts- und Architekturmaler die Rede, so ist

. fremd sie sonst untereinander sind, doch eins es nütze, daran zu erinnern, daß Waldmüller ,

I gemeinsam haben: daß die Madonna in erster und R. von Alt noch nicht ganz vergessen sind

I Linie als Rasseweib und erst in zweiter Linie bei ihren Landsleuten, daß man ihres Geistes i

| als „heiliges Wesen" angesehen ist, ein Um- immer noch einen Hauch verspürt. Da ist \

I stand, der diese Bilder mehr pikant als fromm z. B. Joseph Stoitzner, der uns eine Dorf-

I erscheinen läßt. Was übrigens ziemlich selbst- Straße in Dürnbach (Abb. S. 281) gemalt hat: (

verständlich ist in einer Zeit, die mehr als das heiterster Himmel und prachtvolle Laubbäume (

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