Kissling, Hermann
Die Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd — Schwäbisch Gmünd, 1961

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Antiqua-Kapitalis und die ausgewogenen Proportionen des Bildes stellen uns ein
Werk der deutschen Frührenaissance vor Augen. Als Entstehungszeit kommen die
Jahre 1515-1519 in Frage.

DAS KREUZIGUNGS-RELIEF BEIM HAUPTEINGANG IM EHEMALIGEN KREUZGANG

Wem sich die Klostertüre öffnete, dessen Blick mußte zuerst auf das gegenüber-
gestellte spätgotische Bildwerk der Kreuzigung fallen (Abb. 16). So wurde dem
Eintretenden schon über die Begegnung mit dem Bild gesagt, daß die hier Dienen-
den den Gekreuzigten in die Mitte ihres Lebens stellen wollen.
Das 170X75 cm große Hochrelief wurde aus einer Platte Angulatensandstein her-
ausgearbeitet. In der beherrschenden Mitte sehen wir Christus am Kreuz. Er neigt
sein schmerzgezeichnetes Haupt mit der Rutenkrone in einem letzten Blick zur
Mutter. Maria wendet sich erschüttert von dem sterbenden Sohn ab; die vorgehal-
tenen Hände schließen gleichsam in Demut ihre Not ab. Auf der linken Seite steht
aufrecht der durch das Attribut des Buches gekennzeichnete Evangelist und Jünger
Johannes, die Augen offen, aber das Antlitz verschlossen. Drei Engel, die himm-
lischen Zeugen des Opfertodes, fangen in Kelchen das Blut der Nagelwunden und
des Körperstiches auf18. Unten vor dem Kreuzesstamm liegt ein Totenkopf und
ein Knochen. Das ist ein Hinweis auf den Tod des ersten Menschen, denn nach
der Legende soll über dem Grabe Adams das Kreuz von Golgatha aufgerichtet
worden sein. Es ist das Kreuz Jesu, des neuen Adam, der in die Welt kam, die
Sünden des ersten Adam auszulöschen. Neben den Sinnzeichen des Todes kniet
als kleine Stifterfigur ein Augustinermönch. Aus dem Habit schaut ein gefurchter,
derb-ernster Kopf. Die Szene schließt nach oben ein Kielbogen mit Krabben und
hinterlegtem Maßwerk ab.

Reste ehemaliger Bemalung finden wir noch an einigen Stellen. Das untere glatte
Steinband trug noch im letzten Jahrhundert die Schrift: „Jesus Fili Dei miserere
mei — 1505 sub P. Martino" (Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner — 1505
unter Prior Martinus).

Der Meister des Reliefs ist unbekannt; doch können ihm noch andere Steinbild-

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