Kissling, Hermann
Die Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd — Schwäbisch Gmünd, 1961

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Die einziehenden Württemberger, die nach den Schilderungen der alten Gmünder
die Nasen hoch trugen und selbstherrlich auftraten, requirierten zugunsten ihres
Herzogs in den aufgehobenen Klöstern. Die Einrichtung, vom Altar bis zur Kü-
chenschüssel, wurde meistbietend verkauft. „Am 12. Mai nachmittags ging man in
das Klösterlein zu St. Ludwig und fing dort das Verkaufen an, nachgehends bei
den Augustinern." Die Glocken, die man aus dem Dachreiter der Augustinerkirche
abseilte, „sind an Auswärtige verkauft worden"; sie brachten 353 Gulden ein. Die
Orgel fand nach der Uberlieferung einen Käufer in der Ellwanger Gegend. Beson-
ders scharf waren die Konfiszianten auf Gerät und Kultgegenstände aus Silber.
Allein das bei den Dominikanern, Augustinern und von St. Ludwig geholte Silber
wog einen Zentner. Am 21. Januar 1803 wurde es unter Bewachung nach Ludwigs-
burg gebracht und später dort eingeschmolzen. Wohin die vielen anderen Aus-
stattungsstücke gelangten, läßt sich nicht mehr sagen, da alle schriftlichen Belege
darüber verloren gegangen sind. Nur zwei Holzfiguren des Crispinus und Crispi-
nian, die heute in der Leinzeller Kirche aufgestellt sind und nach mündlicher Uber-
lieferung aus einer Gmünder Kirche stammen sollen, könnten in der Augustiner-
kirche gestanden haben, weil diese Heiligen von der Schuhmacherzunft dort beson-
ders verehrt wurden5.

DIE AUGUSTINUSKIRCHE ALS EVANGELISCHE STADTKIRCHE SEIT1806

Jahrelang zogen sich die Debatten über die künftige Verwendung der ehemaligen
Augustinerkirche hin. Im Ernst wurde erwogen, dieses Kleinod in ein Arbeitshaus
zu verwandeln oder gar abzureißen. Erst das Verlangen der sich aus Angehörigen
der Garnison und Beamtenschaft bildenden evangelischen Gemeinde nach einem
eigenen Gotteshaus entschied das Schicksal der Kirche. Der Staat stellte die ehe-
malige Klosterkirche als Evangelische Stadtkirche zur Verfügung6. Am 23. März
1806 fand in der ehemaligen Reichsstadt, die zwei Jahrhunderte lang keinen evan-
gelischen Bürger in ihren Mauern geduldet hatte, wieder der erste evangelische
Gottesdienst statt. Die Predigt hielt der Dekan von Aalen, der auch den ersten
Pfarrer einsetzte. Dieser Geistliche, Pfarrer Gräter, war Garnisonsprediger. Erst

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