Kissling, Hermann
Die Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd — Schwäbisch Gmünd, 1961

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DER HAUPTEINGANG ZUR AU G U STIN U S K I R C H E

Zwischen dem Chor der Kirche und dem vierhundert Jahre alten Fachwerkbau des
Stadtarchives führt der Weg direkt auf die ehemalige Klosterpforte zu, die heute
als Haupteingang zur Augustinuskirche dient (Abb. 2).

Die Pforte ist durch die kräftige Rahmung zum Portal herausgeputzt. Flankierende
Pilaster tragen Gebälk und Gesims. In den Felderzwickeln über dem Rundbogen
ist das Jahr der Erbauung des östlichen Klostertraktes, 1747, festgehalten. An
dekorativem Schmuck fällt noch das Bandelwerk an den Pilasterflächen auf. Die
Flachreliefs an den Pilasterpodesten wiederholt der Eingang zur Gmünder Katha-
rinenkapelle. Es wird vermutet, daß der Meister dieses Portales auch das Bandel-
werk-Gestühl der Augustinus- und Franziskanerkirche schnitzte.

Der Patron des Klosters, Augustinus, dargestellt als Halbfigur mit dem brennen-
den Herzen23 in der Rechten, wacht mit einem kleinen Engel über dem Eingang
des Klosters. Dieses Engelkind hält im rechten Händchen einen Löffel, während
es mit dem linken auf den Kirchenvater zeigt. Das Bild ist auf folgende Legende
zurückzuführen: Augustinus, am Strand nachdenklich wandelnd, bemerkt ein Kind,
das mit einem Löffel das Wasser des Meeres ausschöpfen will. Von Augustinus auf
das aussichtslose Tun aufmerksam gemacht, verblüfft das Kind mit der Antwort:
Viel eher gelingt mir das Leeren des Meeres hier mit meinem Löffelchen, als daß
du die Tiefe der göttlichen Dreieinigkeit ergründest.

Die zweiflügelige Türe stammt noch aus der Klosterzeit. Zwischen ihren oberen
Füllungen zeigen die Querhölzer zwei unauffällige ovale Ausschnitte. Hinter dem
linken Ausschnitt konnte — wie an der Innenseite der Türe noch zu sehen — ein
Deckbrettchen vor einer durchlöcherten Platte weggezogen werden, so daß der
Bruder an der Pforte den Einlaß Begehrenden hören und teilweise auch sehen
konnte. War es ein hungriger Bettler, gab der Bruder ihm durch einen Schalter
neben der Pforte eine warme Suppe hinaus. Diese Öffnung ist heute zugemauert,
innen aber in der starken Wand noch als tiefe Ausnehmung erkennbar.

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