Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 22.1869

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3Tr. 56. Scrlin, Seit 5. Acre,»der 1869. XXII. Jahrgang.

WodjeiifmfmDer.

Montag, dcn 6. Dcccmber. Nicolaua.

Am Tag deS heiligen Nicolaus
Schaut'S schon recht bunt in Roma auS.
Im Purxur glänz« die Cleriscy.

Die Gräfin Hahn-Hahn ist auch dabei.

Dienstag, den 7. Deccmbcr. Lieghort.

WaS Held Tiezbert einst auSgericht',

Das weih io reck» rvobl Keiner nicht.
Wahrscheinlich trieb er Wundcrkunst.

Wie käm er in dcn Kalender sunst?

Mittwoch,d. 8.Decbr. Var. Empfängniss.

Die Glocken laute» in Ost und West,

In Süd und Nord zu dein größten Fest,
Denn das Concil beginnet beul,

Hab mich schon lang darauf gefreut.

Mochenkatender.

Donnerstag, dcn 9. Dcccmber. Joachim.

Ein großer Geiger bicr zu Land
Naib diesem Heiligen ist benannt.

Hilf Himmel, daß fick' ein Geiger zeigt,
Der Denen in Rom die Wahrheit geigt.

Freitag, dcn Iv. Dcccmber. Judith.

Don Judith und von Holofcrn
Liest heut' geiviß noch Mancher gern.

Herr Götbc »lachte draus ivundcrfanl
Die schönste Puprencomödiani.

Sonnabend, dcn II. Dcccmber. Sapentia.

Der Weisheit ist der Tag geweiht,
Sapientiam suchen wir allezeit,

Doch finden »vir Blödsinn chn' Unterlaß.
0 Lancia, Lancia Limplicitas!

Kladderadatsch.

humoristisch- salyrisches Wochenblatt.

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G- Der Zeitgeist an eine bekannte Dresse. @55

Zum 8. Dcccmber MDCCCLXIX.

greis, schau mir in's Angesicht!

Du kannst mich durch Rekreuzcn nicht keschmören,
Och halte Stand dir und du bannst mich nicht,

TUic du dich sperrest auch — du mußt mich hören.
Och bin der Zeitgeist! Mir zu Diensten stehn
On Tiesi und Höh' der Elemente Heister:

Sie kommen, wenn ich ruse, ungesehn
And folgen ohne Murren ihrem Meister.

Die Masser ruf ich — und gehorchen muß
Neptun sammt seinem schäumenden geschlechte;

Den Dreizack senkt er, denn zum /riedensschluß
Zwing' ich Oahrtausend lang getrennte Mächte.
Voran flieg ich dem Licht und dem Drcan,

Mit scharfer Masse jag' ich nach den Sternen.

Du schweifst mit scheuem Rlick im Himmclsplan -
Och messe sie, die — „uncrmeßncn -lernen."

Och rus dem Rlitze — und mein Mort geschwind
Trägt er gehorsam fort non Pol zu Pole.

Oa, alter Herr, und meine Rlitze sind
Von größrer Vrast als die vom Tapitole.

Och rus das Oeuer — und gebändigt tritt
Vor mich die sonst verwegne Schaar der Hölle.

Und schau: es ist als ob bei jedem Schritt
Ein Vorn des Segens aus dem Roden guölle.

V Rettelprachl. die sich in Purpur pssegt
And von der Völker rings erborgten Schätzen!

Mein sind die Schätze, die der Erdball trägt.

Mir ward die Macht, die Rerge zu versetze».

Och spreng' dcn ^els — ja ziltro ÖTefs von Vom! —
Mir beugen muß sich stolzer Alpen Aücken,

Och zwing in's Ooch den wildempörlcn Strom
And schlag' von Land zu Lande starke Mücken.

Die Mahrheit such' ich in dem Schmuck der Trist,
Om Sang des Vogels, wie im Drohn der Minde.
„And was ist Mahrheil?" fragt ja schon die Schrisi.
Och jag' ihr lustig nach, daß ich sie sinde.

Och dien' ihr auch, »on Andacht hochgcfchwellt:

Die Milliarden der versteinten Alippe,

Die Leiber alL der längst versunknen Melt —

Das sind für mich die — heiligen Herippe.

Du sagst: „ich treibe mit dem HeiLgen Spott."

^luch, dreimal -lluch mir. wenn dem also wäre!

Och dünke mich nicht freventlich als Hott
And nenne nicht unfehlbar meine Lehre.

Der Zeitgeist bi» ich! Zu der Schöpfung Preis
Malt' ich und zu der Atenlchhcit flfiidl und Ehre
O11 der Hefchichle. — Doch du, müder Hreis,

Heh heim und sprich ein stilles „IVIisoeero."

kladderadatsch.
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