Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1861 (Nr. 191-202)

Page: 16
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/koelnerdomblatt1861/0016
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
„Der Reliquienschatz des Liebsrauen-Münsters ;u Aachen in
semen kunftreichen Behältern. Znm Andrnken an die
Heiligthumsfahrt von 1860 beschriebm und mit vielen
Holzschnitten erläutert von vi-. F. Bock, mit einer
Einleitnag vo.n Or. 2 Th. Laurent, Bischof von
ChersoneS." Aachen, im Selbstverlage deS Verfaffers.

(Schluß, siehk Rr. 192 d. Bl.)

ES ist ferner, wie der Berfass.-r dehauptet, mit der allergrößte« Wahr-
scheinlichleit anzuuehmen, daß die sogeaannten grsßen Heiltgthümer u»d
einzelne der lleinerea in sogenannten Bursen und in Ätoff.» hierhin ge»
langt, *on den.'n fich uoch zegenwärtig lostbare Reste in Aachen befinden,
und. wenn nicht irgend eine Leränderung oder Fahrlässtgkeit Stalt gesnnden,
nrch fast einzig hier oorfinden würdru. Damit ist ader gar nicht bewiescn,
daß jen>> Bursen oder Nmhüllungen hier einft, sowshl wie an andsren Orten,
nicht ichiießlich in zartrn, schönm Vchrcinen von Silbsr, Told odcr Llfen-
bein aufbewahrr wurden. Man könnie beinahe mit vemselben Aschie schlteßen,
es hads vor den großen, schönen gothischen lkirchrn d s 13. Jahrbunderts
keine anderen große» Kirchsngebäude gegeben. wenn wtr dieselben nicht wirk-
lich vor Nugen häiten. Auch kann darüber das Buch von Professor Floß:
„Geschrchtliche Rachrichten übcr die aachener Heiligthümer", worauf Herr v.
Bock sich bei verschiedenen Gelegenheiien bezieht, ganz andere und destimmt
entgegsng-'sdtzte Rachrichten liefern. E« spricht ausdrücklich von bessnderen
Schretne« uud ReltquienbehLltern in Äonstaalrnvpel, rvorin die heiligen
D nkivürdigkeitcn aufbewahrt wurden, ehe ste noch theilweise nach Aachen
gelangtea. Srlbft die gegenwärtige Aufbewahrung derselben, zunächst tn be-
soudcren Umhüllungsn, dann in dem kostbaren Schreine, wtderspricht drr
Ansicht, daß es bis zu dsr Anfertrgung der gegenwärtigsn Aufbswahrungs-
Behälter ksine anderen in Aachen g.-geben. Die jene Behälrcr immer beschaffen
gewesea sein mögen, die man später für gut fand, dnrch anoere, und viel-
lelcht mit Umwandlunz des Mareriuls, zu ersetzen, wir wiffcn es nicht, und
wenn ZSahrsch-inlichkeit gegen Wahrschelnlichkeit treten soll, so sagen wir:
es ist nicht wabrschsinltch, daß dcr mächtlge Karl, sei« frommer L>ohn Ludwig
nicht ln ähulicher Weise für eins Rufbewahrung gesorgt, die nach den Be-
richtcn des genannicn Duches l» Konstantinopel so häufig war und von dcr
wlr kelbst nach den ch.r>rmls8 Zsntoose-i ein ss bestlmmtcs Zeugniß haben, duß
fie im 9. Jabrhundert anch in Santen dekannt.

Große, kostbare Rellquienschrsine sanden stch im 6. und 7. Jahrhundert
ia Konfianiiiiopel vor, fie fanden fich erweislich in den Klöstern unserer
R-chbarschaft vor, u.id fie sollten bei so berühmten Reliquien erst im 12.
und 13. Jabrhundert »ach Aachen geksmmen s-in? Wer kann so etwus
glauben? Luch ist dic Art und Weise dcs TranSporleS kleinerer Reliquien
in Bursen oder tloßer Seidenumhüllung nicht einmal als die gewöynliche
snzunehmen. Jch glaube, daß es trotz vielfacher Zerstörungen, Umwandlun-
gen und Beraubungen doch noch mancke Kirchen am Rheir.e gibt, welche die
bcstimmte Probe liefern können, daß schon im 7. und 8. Jahrhundert die
Neliquien auch in entsprechenden Gefäßen von Silber, Gold, Elfendein und
sonstigem, sei es an sich oder durch die Arbcit kostbarem Matcriale Sbertra-
gen, aufbewahrt und dem Bolks gezeigt wurden. W!r nennen nur dis Kirchen
von W.'rden und Emmerich am Rhein. Aber der Schatz zu Aachen selbst hat
cin solcheo Gesäß, da« frcilich in die einmal vorgefaßte Meinung ganz und
gar nicht paßt. W>r meinrn jenes für die Kunstgeschichte so höchst bedeut-
some Gsfäß, das sin so bestimmtes Darum an sich träzt und daS die ge-
wissrnbaftcst? Prüfuug eineS hiefigen Prioatgelehrten, des Herrn Käntzler,
bsstandcn, icnes kostbare Gssäß, worin sich noch deute das Haupt des heilrgen
Anastasius bcfinder. Die Reliquien deS heiligcn Anastafius eineS Martprcrs
der ortentalischen Kirche, wsren nach den von Floß angcsührten Verzsichniffen
schsn im 9. Jabrbundert sin Hauptbestsndrheil der soqenannten kleineren
Reliauisn ln AaHen, und bcfinden ffch noch heute in einem Zcfäße, dcssen
griechischen Ursprnng Nrcmanv in der Welt läugneu wird, und auch Herr
Dsck iiichr läugnst. Es ist aber fciner Hypothcse höchst unbequem, und darum
muß es vier dis fünf Jahrhunoerte in der Zeit abwärts gehen, in einer
Zeit, wo Niemand begrcrfen wird, wie es nach Aachen kommen sollte, und
was cs überhsupt ln Ko-istanlinopcl gemacht hätte. Denn Aachen hatte um
diese Zcit wsder einen Kaiscr noch ein-n Ritter von Nsmen, der es hlerhin
gröracht, überhoupt auch nur hierhin brinzcn konnte, wcil es schon da war.
Di' Grünoe, welche Herrn dock bswegen, vasselbe um ein halb Tausend Jabre
später zu setzen, brruhen ftincr Anficht nam auf cincr Berglcrchung rmt einem
anderen, das sich iu S. Marco b-fir.det. Wir halten eine dcrartigc einseitige
B.'rgl ichung bei rkaem Gegenftande, vo so beftimmte Daieo reden und wo nichl
einmnl die geringsts Wahrschsrnlichkeit erns entgegengesetzte Angabe unier-
-iützt, für völlia unzulänglich z» eiirem solchen Schluffe, wie ihn Hcrr Bock
daraus zisbt. W:r al.ubcn vielmrbr, cin ssrgfältigeres Stubium dyzantini»
scher Knnst und Sprsck« wtrd d-m in Rede stehenden Gefäße »uch sein wirk-
l'ches Slter vtndicircn und weuigsten« auf jene Zeiten zurückfnhrcn, wo fich
dte Rel'qnien des beilizen Anastofius notorisch <n Lachen befanden, uns
können dte geneigten L-ftr dcßhalb auf die sehr solide Abh.mdlung verwei-
sen, Sie fick tn dcm auch von Herrn v. Bock angeführten ersten Bunde der
Zeitschrift für Archäologie von Quafi und Otte befindet.

Ts scheiut aber, bsvor w-r diese Kriiik schlisßen, nickt ganz unzweck-
mäßio, wenu auch nur ein WsnigeS über etnizs der ssnstigcn Tcfäßc zu
sagen ore fich in dem oben anaeführtcn Werke beschrieben und gczeichnet
finv'» u»d dcn bandgrciff'chsten New--is licfern, daß daS böhmische Glas
starr auf »en Berfass-r gkwirkt bat. W ' gehcn glerch zu d'm Gsfäßs Nr. 2
über. ..Abgesrhsn", heißt es dort, ,.von der großen Stylverwaridtschast, die
dieft» Schauzefäß durch scine vorhsirschend zeometrale Ornamentirunz mit
der größeren Reliquien-Capelle unter Nr. 20 zeigt, hat dasselde auch etnige
Aehniichk.it der Form mit dem Reiiquiar unier Nr. 4, das den Gärtel der
allerseligsten Jungfrau enrhälr." D-r Ausdcuck Lhnlich ist allerdinqs ein Bs-
griff vsn sedr ausz-de-uler Bedcutuna, und iS cs vsrmöge einer gewiffen !
AuSdebi.u.ig dieseS Begriffes leicht meg'ich, Aehnlichkcüen unter Dingen zu '

finden, die auch sonst nichi dic mindeste Lerwanbtschasi unter iinander haben,
ganz besondsrs aber, weua man einmal tn einem gewtsse» Systsme verssngen
tst. Wie ist cS möglich, dte ins Breite gehende Archlt.ftur des G-fäßes Nr.
2 mit der schlanken, adcr einsachen nnd uüchlerncn de» Gsfäßsr Nr.20,wel-
chcs die aachenec Tradition, und ich glaube/gauz richtig, Sarl IV. zsschreibt,
auf Eine Linie und in Eias Zeit zu verfetzen? Währrnv' das Rcllquiengefäß
Nr. 20 noch gauz den strengen Sryl des 13. und jensn der ersten Hälfte
des 14. JahrhundertS au fich trägt, hat das Defäß Nr. 2 dsn sogenannle»
Tudorbogen an seirrcm Knauf und eine Architckrur, welche der Zeir Karl's
IV. durchaus fremd ist. Ler ganze Geist der drer in Frage stehenden Sesäße
ist ein durchsus «erschiedener fo verschiedca, wie ihn Zeit und Ort ihrer
Lnfertizung nur aus'precher, konnte. Ob bre Auffaffmig der Gefäße 3 und 6
die richtige ist, stellen wir dem Urlheile größerer Sachkenner anheim. Wir
unserecseits halts» den Stäuder zu Nr. 3, versteht fich, mii Nnsnabme der
beiden anzefüzteri Sngel, mit dem Gcfäße seldst für gleichzeitlg. Dann fällt
aber «ieder etne bedeutends Hypothese des Hsrrn v. B»ck.

Die Rellquien-Eapelle Nr. 20 wird nach einsr in Aachen gangbaren
Traditisa der zreigehigkeit Phtlipp's II. von Sp-nien und etner Familie
zugeschrieben, »elcher der aachcncr Schatz noch sr viele audere namhafte
Geschenke, wre jeae dcr Tlrra, Eugenia und Jsabella, Znsantinnen von
Spanien, zu danken hat. Ss lst allerdings wahr, die Arbeit an diesem schöne»
Gefäße stimmt nicht so ganz mit dem vorherrschenden Geschmack der dama-
ligen Zeit, die vffendar jeue der Rcnaiffancc wac; auch muß fich an manch-r
in Äachen in Beziebung auf den Schatz gangbaren Tcadiliou Mancher be-
richtlgen lassen; aber es mangelr anch nichr an Beisxielen in der Knnstge-
schichte, Lsß man fich nicht immer streiigs nach dem vorherrschenden Zeitgc-
schmackc richiete, ssn'-crn, wenn hi'rzu bcsondere Sründe vo.handen »varen,
fich an die frühercn Lunstmustcr hi-lt. Es galt, hier ein Pendant zu
schaffen, das dem Gefäßc Nr. 19 würdig zur Sette gestellt werden konnte;
aber die Arbeit, der ganzs Geist, der bcide G-fäßc durchdrtngt, fiad we-
senilich verschieden. Das ganze Detatl har cinen den htefigeu Gegende»
durchaus fremden Charakte: und sprrcht deutlich, wie guch Herr Bock seldst
zu erkennen gibt, für eine südüche Ausfaffung dcs Spitzbogen-Syftems, na-
mentlich wie sie fich hier und da in Spanien an jeiicn Stellen zeigt, wo der
dsutsche Gcist weniger selbstständig schuf. Wir glauben daher, weitere For-
schungen werden auL hier das Richtige ermitteln und die bestehende Tra-
ditiorr vollkommen rcchtfertigen, wcnn cS ai'ch hierbei nicht eben durchauS
wesentlich ist, daß die Ansertizung des Gcfäßes in dre Tage Philipp's II.
fällt, was wir nicht gcrade fcsthalten wollen, Rur das behaupten wrrl das
Gefäß gehört nicht in die Zciten Karl's IV., nicht in die Rcgün dieses
Kaisers, sondern gehört eine- ganz anderen Zett, einer andercn Gegend und
am wahrscheinlichftsn Spanicn an.

Air hätten nun noch der schönen Vorrcde des Bischofs Laurent zu dem
oben angozei-iien Werke erwähacn soüen, aber diese lobt fich dann am teßsn,
wsnn man fie lies't, wie jrdes Meistenpcrk durch die etgene Anschauung.
Werfen wir aber »och einen Räckblick auf de» sonstigen Jnhall des oben
sngezeigteu BucheS, so ist für den Aachener allerdlugs ein schöaer Tranm
darin zerstört, daß der hicsize Domschatz mit dem fiebeuten sder wenigstens
achten Zahrhuudert begonnen, und wird derselbe mit Einem Vchlage um
etwa 400 Zahre abwärtS datirt; aber wir hsffen, der gseyrte Herr Ber-
fsffer wird ii> seinem größeren Werk,: nsch einmal genausr prüfe» und auf
bestimmie Data cin großsres Gcwicht legen, als dies nuserer Anficht nach,
wentgstens bet einzelnen Stücken, geschehen ist.

Aachen, dc» 20. August 1860. Prisac.

Vorräthig im Secretariate drs Central-Donrbau-AercinS
(Rathhausplatz Nr. 3):

Der Dom lioil Kol«

und

Das MüKster vrm Steaßhrrrg.

Von

I. v. Görres.

Der Ertrag Lst zum Dombau bestrmmt.

Reg euS b urg, 1842.

DLe LegeKde

vsll deu heiligtll drei Kölligtll.

Zum Befien des Dlner Dombuues.

Nach einer alten Handschrift herausgegeüen

von

Karl Simrock.

Mit Bildern in Holzschnittcn.

8. geh. 10 Sgr.

Veranrwortitcher Herausgebcr: I. I. Rclles in Köln.
CommisfionS-Verlig und Drnck oon M. DuMont-Schauberg in Köln.
(Crxedition dcr Kslnischen Zeitung.)
loading ...