Koldewey, Robert
Die antiken Baureste der Insel Lesbos — Berlin, 1890

Page: 70
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7o ZU DEN KARTEN, TAFEL 30 u. 31.

In etwas kleinerem Mafsstabc (wenig gröfser als die: liier vorliegende Reduction) ist »LESHOS INSVLA
NVC METELI« auf einem Blatte des 1554 vollendeten Atlas von Battista Agnese enthalten, welchen- durch
Theobald Fischers photographische Reproduction (Venezia, Ongania 1881) zugänglich geworden ist; die Formen
sind im ganzen dieselben wie die der vorliegenden Zeichung, nur etwas roher und auch die mehrfachen Ab-
weichungen in der Nomenclatur hindern nicht für beide Redactionen eine gemeinsame, vielleicht gröfsere und
darum an Namen vollständigere Quelle anzunehmen1).

I )ie erste wirkliche I )urchwanderung des Inneren der Insel durch dem bekannten englischen Orienta-
listen Richard Pococke2) im October 1739 bezeichnet noch kaum einen Fortschritt; sein Weg von der
Hauptstadt über Manoneia (d. i. Mandamado), Molivo, Telonia, Sigri, Eresso, Caloni und zurück wird nicht im
einzelnen beschrieben und ist in seiner Karte: aufserordentlich fehlerhaft eingetragen, während ehe Inselcontour
darin der Wirklichkeit sich um etwas mehr annähert, als in den alten italienischen Karten'1).

Die erste leidlich vollständige, jedoch von Zuverläfsigkeit der Formen, Ortslagen und Namen noch
sehr weit entfernte Kartenzeichnung der Insel hat der bekannte französische Gesandte bei der hohen Pforte,
Graf Choiseul-Gouffier gegen Ende des vorigen Jahrhunderts herstellen lassen; aber während er diese:
Arbeit selbst mit übertriebenem Lobe auszeichnet, verschweigt er in seinem ebenso weitschweifigen als inhalt-
armen Werke durchaus ehe Namen des oeler der Autoren4). Die englischen Karten von 1810 und folgendem
Jahren, welche A. Arro wsm i th\s Namen tragen, sind einfach durch zahlreiche Stichfehler der Namen ver-
schlechterte Copien elieses französischen Originals, welches dann 1818—19 durch Capt. Gauttier's Küsten-
fahrten kaum nennenswerthe Veränderungen oeler Vergröberungen einiger Contouren erfahren hat und in dieser
Gestalt in Oberst Lapie's bekannte grofse Generalkarte der Türken und eieren Wiener Nachstich, der mifs-
bräuchlich gewöhnlich als österreichische Generalstabskarte bezeichnet wird, übergegangen ist8).

I )e:n französischen Pionieren sinel in eliesen Meeren überall erst, aber mit ungleich reicherem, auf
soliderer Arbeit beruhenden Erfolge die Engländer gefolgt. Die unter Leitung des Capt. R. Copeland 1834
ausgeführte Vermessung der Küsten und einiger Bergspitzen des Innern der Insel steht zwar namentlich an
Schärfe eles Ausdrucks ele:r Terrainformen hinter den späteren Fortsetzungen der nautischen Arbeiten in elem
griechischen Meeren, besonders denjenigen welche Graves und Spratt's Namen tragen, erheblich zurück
und hat jetzt an einigen Stellen auf Grund genauer Winkelmessungen kleine Berichtigungen erfahren müssen, hat
sich aber im allgemeinen bei sorgfältiger Prüfung an Ort und Stelle als zuverläfsig erwiesen und bleibt über-
haupt, bis einmal auch hier fortgeschrittene Technik der Vermessungsmethode eine noch sorgfältigere Wieder-
holung gestattem wird, die einzige brauchbare: Quelle für die gesammten Raumverhältnisse der Insel6).

') Auffallend ist in obiger Zeichnung das Fehlen der zweitgröfsten Stadt der Insel, Molivo, welche Agnese's Karte an der Nordküste, nur zu
nahe an Metelini verzeichnet; auf der Nordwestecke der Insel (etwa da, wo obige Tafel den Namen Caloni zu nahe an die Nordküste
setzt), also etwa halbwegs zwischen Molivo und Sigri, verzeichnet sie ein Castel Sau Todoro, worunter wohl nur die Ruinenstätte von
Antissa gemeint sein kann. Dem Golf von Hiera (Colpho de Live d. i. Olive der Ms. Karte, Oolfo Olivieri der fränkischen Seefahrer)
giebt sie den Namen Colfo de Chiertmida und setzt an sein oberes Ende westlich den Namen Incremina, beide erklärlich aus dein in
unserer grofsen Karte verzeichneten Dorfnamen Kcraminä. Das nördlich davon bei Agnese eingetragene Paleocastro, — Ruine Antique
unserer Ms. Karte bezeichnet natürlich die Bögen der römischen Wasserleitung bei Moria. Polimedi ist Entstellung des Namens Po-
lichnito, Tesbo von Lisvori, Asso offenbar Agiasso, nur sehr falsch gestellt. Unverständlich bleiben mir dagegen die beiden Manlia, —
wenn es nicht einfach Mifsverständnis von Mandra »ViehhUrdex ist—, sowie das Dorf .V. Ttodoro in der südöstlichen Halbinsel und Casso
an der Südküste, und in Agnese's Kärtchen der ungefähr auf der Stelle des Polimedi unserer Ms. Karte angesetzte Name Sidonia, der
doch kaum aus Vasilika verschrieben sein kann. Mit el-Sere am Westende ist natürlich Sigri gemeint.

■) Description of the East, vol. II, part II, London 1745 mit Karten. Vor ihm hatte meines Wissens nur der Leidener Professor Heymann
den Weg quer durch die Insel von Molava, wie er schreibt, nach Mytilene gemacht, aber ebenso unzureichend beschrieben als ein fahr-
hundert später der in umgekehrter Richtung reisende Österreicher Prokesch von listen (Reizen door en gedielte van Europa, Klein-
Asien, verscheide Eilanden van de Archipel, Syrien, J'alestiua, Ägypten — - gedaan dorn- J0I1. Aegidius van Egmond van der Nyeniurg
(1720—1723) en Johannes Heymann (1700—1709) ««V beider eigenhändige nagelaten Schriften in arder gebragt door Jali. Wilh. Heymann,
Med. Dr. Leiden 1757, I S. 231. v. Prokesch, Denkwürdigkeiten aus dem Orient Bd. III. Stuttgart 1836 S. 34g—357).

:1) Die nach NW. auslaufende Spitze, auf welcher Molyvo liegt, ist in I'ococke's Karte in der zutreffenden Lage wirklich angedeutet, unter
Beisatz des nicht zutreffenden antiken Namens Argenum Proin., dagegen sind Molivo und Petra zwar eingetragen, aber in der doppelten
Entfernung von Mytilene auf der äufsersten Westspitze der Insel, d. h. au der Stelle, welche thatsächlich Sigri zukommt. Telonia ist an
die Westküste gerückt; an der Küste (!) findet sich auch zwischen Sigri und Ereso und zwar von der Route des Reisenden berührt Upseh
d. i. offenbar das auf hoher Bergspitze landein gelegene Ilypsilo-Monastiri; der Golf von Caloni ist zu einer Ilachen Bucht von weniger
als dem halben Umfange der Bay von Hiera zusammengeschrumpft und ostlich davon geht der Rückweg nach Mytilene, der in Wirklich-
keit der ziemlich geraden Linie weit N. von Vasilika und Agiasso folgen mufste, atd" der Karte vielmehr südlich von diesen Orten und berührt
Quatrotrito (d.i. Katotrito), welches irrig an die Südküste verschoben ist. Alle diese groben Fehler bestätigen nur des besonnenen I.eake
Urtheil über Pococke (. tsia Minor S. X VI): he hos been extremely negligent in noting bearings anddistances: his narrative is very obscure and eonfused.

*) Voyage en Grece, '1'. II, Baris 1809, S. 72: an 7'a suivre via route par des cartes levecs avee une exaelitude, qua peine 0/1 anrait ose esperer
y'ai dirige ces importans travaux, le prineipal merite est d ceux, qui /es out exeeutes et pour moi e'est un devoir d'avertir la reeouuaissauee
publique. Die Karte selbst (M. 1 : 390,000) trägt den Titel Carte de l'lle de Mete/in et du Golfe dAdramiti, leve'e sur /es lieux et assujettie aux
observations astronomiques. Auch der Name dieses astronomischen Beobachters wird nirgend genannt, aber der als Observatoire benannte
Küstenpunkt an der Mündung des Golfs von Kaloni bietet eine Differenz von iL, Breiten-Minuten gegen die neue englische Vermessung.

:') Carte generale de la Turquie <tEuropt par le Chev. Lapie, Baris 1827 (1 : 800,000). Karte der Europäischen Türkei in XXI Bl. gezeichnet
durch den K. K. Oberstlieut. Franz v. W'eifs, herausgegeben von dem K. K. Osten-, Generalquartiermeisterstabe, Wien 1829 (1:600,000).

i;) Die von dem Archaeologen Bon tan ausgesprochene Anerkennung (la carte du cap. Copeland — ne laisse rien a desirer pour l'exaelitude et
Inen quelle soll sur tont une exeellente carte hydrographique, V Interieur de l'i/e a ete profaudeiuent etudie (!) et je crois que par l'addition de
quelques noms de villaglS modernes on aura un plan assez complet de l'ile: Archives des Missions Seieutif. 1S56 Vol. V S. 273) geht schon
im Vordersatz viel zu weit und beweist im Nachsatz nur die absolute Ignoranz des Reisenden in Bezug auf Kartographie. Scharf, aber ganz
treffend, äufsert sich ein neuerer französischer Reisender, L. de Launay (Rev. Areheol. 18SS S. 242): in der englischen Karte seien le relief
du sol, le nom et la pasition des villages presque partout deßgures.
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