Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 80.1930

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Maria mit Kind und Wiege, Krippenfigur. Höhe n cm
(Foto Rcidt, München)

Gg. Lang fei. Erben, Abt. Wittmann, Oberammergau

NEUE OBERAMMERGAUER SCHNITZEREIEN

VON JOSEF POPP, MÜNCHEN

In einer Zeit, da der Name Oberammergau über die deutfchen Lande hinaus, über das Meer in alle Welt
dringt, aufgrund eines religiöfen Volksfpiels, darfauch einer anderen Volkskunft des gleichen Oberammergau
gedacht werden, feiner Schnitzkunft. Sie reicht zeitlich noch weiter zurück: bis in das 11. Jahrhundert ift. Tie
urkundlich bezeugt. Am Anfang des iz. Jahrhunderts wurden Laienbrüder aus dem Ammergau in die Berch-
tesgadener Wildnis zum Roden und Kloftergründen gefchickt, womit auch die Schnitzkunft dahin kam-
beidemale ein Gefchenk der Mönche. Die Holzfchnitzkunft wurde in Deutichland befonders während der
Gotik gepflegt, für profane und religiöfe Zwecke; die fpätgotifdien Altäre wuchfen zu einer wahrhaft mo-
numentalen Repräfentation empor, an zahlreichen Orten lebten tüchtige Schnitzer und manch einer befaß
bedeutende Meifter und Meifterfchulen. Oberammergaus künftlerifche Bedeutung erfteht erft im Barock
und erreicht feinen Höhepunkt im Rokoko, alfo im 17. und 18. Jahrhundert. Um 1680 waren es fchon über
hundert Schnitzer, darunter viele, deren Nachkommen heute noch angefehene Namen tragen als Paffions-
fpieler und Schnitzer. Galt die Vorliebe dem Kruzifixus, woher der Name »Herrgottfchnitzer« für den
Ämmergauer Bildhauer erftand, fo wurden im Laufe der Zeit dazu auch Maria und die Heiligen dargeftellt
und vor allem die kleine Welt der Krippenfiguren in Menfch und Tier, allerlei Spielzeug, Ornamentales
und Geräte. Für den Vertrieb über die engere und weitere Heimat hinaus errichteten die Oberammergauer
in Petersburg, Kopenhagen, Gothenburg, Amfterdam, Groningen, Cadix u. a. O. eigene Handelshäufer,
deren Leiter, meift gebürtige Oberammergauer, wohlhabende Leute wurden. Das Ortsmufeum Oberammer-
gau, das fein Entftehen der Verlegerfamilie Lang dankt, birgt noch mancherlei intereffante und wertvolle
Proben gerade aus der beften Zeit. Im 19. Jahrhundert gingen unter vielfachen mißlichen Zeitumftänden
Qualität und Quantität zurück, namentlich nach dem Biedermeier; erft am Anfang unferes Jahrhunderts hat
die zähe Bemühung der obengenannten Familie eine neue Blüte ermöglicht. Der Auffchwung wurde we-
fentlich mitgefördert durch Ludwig Lang und Jakob Bradl, als Leiter der ftaatlichen Fachfchulen für Zeichnen,
Modellieren und Schnitzen, wie folche auch in Garmifdi-Partenkirchen und Berchtesgaden beftehen.

Haben lieh einzelne bis zu Künftlern von geachtetem Namen emporgearbeitet, fo liegt der Hauptwert und
Reiz diefer Schnitzerei doch im Charakter des Ganzen, als einer Volkskunft, die in fteigendem Maße
wieder an Qualität gewinnt. Die Volkskunft verlangt ihre befondere Betrachtung und Wertung als Erweis
künftlerifcher Begabung und Betätigung weiterer Kreife und gehört immer mit der jeweiligen Gefamt-
kunft zufammen, deren Ableger und Ausläufer fie ift. Es ift kein gutes Zeichen für die Kunft des 19. und
20. Jahrhunderts, daß fie eine folche Kraft nicht mehr oder nur in geringem Maße auszuftrömen vermag.
Gewiß nicht ihre Schuld allein, aber doch kann nicht überfehen werden, daß unfere heutige Kunft fich
immer mehr zu einer Art ungewolltem Vorrecht nur Weniger entwickelt. Umfo mehr ift eine lebendige
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