Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 10.1829

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u n ft - B l a t t.

Donnerstag, i. Januar i 8 2 9.

Die Frescogemalde in dcn Arkaden des Hofgartens
in München.

(Hierzu der litl'vgraphirte Umriß l Otto der Aeltcrc von
Friedrich Barbarossa mit dem 5zerzoathum Bayern belehnt,
im Jahr 1180).

Zu allen Zeiten haben Fürsten, welche sich in dcn
Herzen ihrer Unterthanen ein bleibendes Denkmal stiften
wollten, in dem Glanz ihres Hauses an» die Ehre ihres
Volks gesehen. Auch zeigt die Geschichte jedes ächten
Volkes, daß seine Bildung sich an den Tugenden seiner
Herrscher erhebt und mit ihnen in unzertrennlicher Ge-
meinschaft blühet und wächst. Daher erkennt das Volk
sich selbst gepriesen in dcn Thaten seiner Fürsten, und
die Liebe zu dem angestammten Regentenhause nährt am
sichersten und dauerndsten das Nationalgefühl und die
Liebe zum Vaterland.

Gewohnt, sein eignes Wirken für die Gegenwart an
den edlen Zügen der vaterländischen Vorzeit zu stärken,
hat König Ludwig die öffentliche Darstellung derselben
durch die Kunst als ein Bedürfniß des Nationalsinnes
erkannt. Das Bild, auch.wenn es das Aenßerliche des
Vorgangs nicht getreu wiederzugebeu vermag, stellt uns
die Gesinnung dar, welche darin wirkte; daS edle Gefühl,
die Begeisterung, die jene That begleiteten, sprechen aus
ihm auf's Neue an unser Herz; es führt uns noch ein-
mal lebendiger, als selbst die Rede vermag, in die Mitte
der Begebenheit hinein, und der Zauber, womit es ein
Vergangenes als Gegenwart voll Glanz und Schönheit
uns vor Augen stellt, ist uns der Widerschein des Ruh-
mes, der die Wirklichkeit umgab. Deshalb wollte Er,
daß große Gemälde aus der Geschichte des Hauses Wit-
telSbach die sprechendsten Momente der Tapferkeit und
Seelengröße und die für das Bestehen des Hauses und
Landes wichtigsten Begebenheiten versinnlichten, und diese
Gemälde sollten, von allegorischem Schmuck umgeben, in
einer der öffentlichen Erholung geweihten Halle als Ei-
genthum des Staates dem gesammten Publikum immer
zugänglich und vor Augen sevn.

In den Arkaden, welche die Rückseite des neuen

Kaufhauses oder Bazars gegen dcn Hofgarten stützen, und
sich noch jenseits des zu demselben führenden Portals bis
au die Residenz erstrecken, wurden gleich be» der Er-
bauung sechszehn Bogenstellungen zu diesen Frescogemal-
deu bestimmt und eingerichtet.. Jede Wand zwischen den
Pfeilern sollte ein historisches Gemälde aufnehmen, so daß
aus jedem Jahrhundert seit das WittelSbachische Haus
ununterbrochen über Bayern herrscht, eine Kriegsthat und
eine Begebenheit des Friedens dargestellt würde, und
König Ludwig wählte selbst die Gegenstände, die in dieser
national-geschichtlichen Beziehung Vorwürfe der künstleri-
schen Schilderung werden mußten.

Da Cornelius noch fortwährend mit der Darstel-
lung der mpthischen Dichtungen des Alterthnms in der
Glyptothek beschäftigt und bereits mit einer andern großen
Arbeit.beauftragt ist, so konnte er die Ausführung dieses
Werks nicht übernehmen; auch die bepden später hier ein-
getretenen Meister Heinrich Heß und Julius
Schnorr waren bereits ausersehen, jener die Sinn-
bilder des Christenthums in der königlichen Kapelle, die-
ser die Sagen der altdeutschen Heldenzeit in der Residenz
zu malen. Daher erhielten Cornelius Gehülfcn
und Schüler die ehrenvolle Bestimmung, unter der
Leitung ihres Meisters diese historischen Gemälde aus-
zuführeu.

Diese zum größten Theil sehr jungen Künstler soll-
ten demnach ein dem Vaterlande geheiligtes Werk unter-
nehmen, in ihren Gemälden sollte das bayrische Volk die
ehrwürdigen Züge seiner Herrscher und seine eigenen na-
tionalen Züge, seinen alten Brauch, seine Sitten und Tu-
genden wiedererkennen; sie sollten die Thaten und Bege-
benheiten verständlich, lcbcuvoll und eindringlich dem Be-
schauer vorführen und sein Herz durch sie zum Mitge-
fühl, zur freudigen Vaterlandsliebe begeistern. Und so
weit bis jezt die Arbeit gediehen ist, haben sie sich das
Zeugniß erworben, daß sie diesen edlen Beruf in seiner
vollen Bedeutung erkannt, und durch das, was sie ge-
wollt, wie durch das, was sie geleistet, dem Vertrauen
entsprochen, das der edle König in sie sezte. Geleitet
von der klaren Einsicht ihres Meisters in das Wesen jeder
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