Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 10.1829

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Kunst -

B l a t

t.

Donnerstag, 8.

O c t o b e r 1829.


Der königliche Bildcrsaal in der St. MorizkgxeÜe
zu Nürnberg.

.2tm: Namens - und Geburtsfeste. Sr., K. Majestät
von, Bayern, ,dcn ?5. August, wu.rde der neue Bildersaal
in der St. Morizkapelle z" Nürnberg zum erstenmal ^ge-
öffnet und dem gröberen Publikum gezeigt. Eine von
Seitenches, Königl. Präsidiums der Regierung des W.
zafkreifes unterm 30: Jul. erlassene öffentliche Bekannt-
machung und eine nachfolgende 'Anzeige der König!. Ge-
maldegallerieinspektion zu Nürnberg, luden zum Beschauen
eines Kunstschatzes ein, in welchem Se. Königl. Maje-
stät „einen neuen sprechenden Beweis großmüthjger Pflege
der Kunst, .erhabenen Wohlwollens für die Stadt, Nürn-
berg und landesväterlicher Fürsorge für die Verbreitung
achter Knnstbildnng" gegeben haben. Denn, was die alte
oberdeutsche Malerschule von ihrem Beginnen bis zu ih-
rer höchsten Vollkommenheit geleistet hat, und wie sie all-
mählich durch verkehrtes Streben wieder gesunken ist, das
ist hier dem kunstgeschichtlichen.Forscher in einem großen,
trefflich geordneten Tableau vor Augen gestellt. Zur bes-
sern Würdigung und Vergleichung würde eine kleinere
Snmmlungj aus der niederdeutschen 'Schule bepgcgeben,
welche ebenfalls .so geordnet ist^,' daß daraus der,Beginn,,
die höchste Ausbildung und der alfmählige Verfall dieser
Schule ersehen werden kann. Die sinnige Anordnung des
Ganzen verdanken wir dem 'Königs. Centralgallerieinspek-
tor, Hrn. v. Dillis, welcher nicht nur die früher zum
Holzmagazin- herabgewürdigtb, geschmackvoll iviederherge-
stellte Mv'rizkapelle zu diesem Zwecke- anserstih, sondern
auch! deunvorhaiidenew Raum "auf's-Beste benuzte und je-
dem -Gemälde denjenigen- Platz anwies, auf welchen es
nach seinem Werthe Anspruch zu stiächen hatte. Ein bey
Riegel und Wießner erschienener Katalog enthalt das voll-
ständige, aus hi Nummern bestehende Verzeichniß aller
Gemälde, gan - - - -- - ' -

- Die- -Sammlung der nieberb'eükschen Gemälde geht
von Nr.'i —-40. und nimmt-die 'westliche und bin Drik-
theil der nördlichen Wand ein. *:

Durch die Schenkung byzantinischer Kaiser, durch den
regen Verkehr des Abendlandes mit dem Morgenlande
wahrend der Kreuzzüge und besonders durch die Erobe-
rung Constantinop'els von Seiten der Kreuzfahrer im
Jahr 1201, bei) welcher auch Flauderu eine bedeutende
Nolle spielte, verbreitete sich die byzantinische Kunst über
die Städte des Niederrheins und diente den ältesten Ma-
lern als Vorbild, bis Wilhelm von Kölln, der große,
von allen Jahrhunderten beivun-derte Meister, von wel-
chem die Limburger Chronik sagt: „desgleichen nit wäre
in der, Christenheit; er malte einen als wie er lebte,"
der eigentliche Gründer der niederdeutschen, oder wenn
man näher begrenzen will, der Köllner Schule wurde.
Ans jener byzantinisch-niederdeutschen Schule enthält un-
ser Bildersaal sieben schöne Gemälde; nicht geringer ist
die Zahl der Arbeiten aus der Köllner Schule. Wir he-
ben die b'eyden a tcmper« gemalten Stücke, Nr. 2. au der
westlichen Wand: „der heil. Gereon mit seinem Gefolge
von einem Schüler deö Meister Wilhelm" und Nr. li.
au der westlichen Wand: „Christus mit der Magdalena
im Garten, von einem Schüler desselben Meisters" aus.
Im erstern-'bemerken wir an den Köpfen das Streben
nach dem Allgemeinen, Idealen, in den Harnischen mehr
die treue Nachahmung der Natur, welche später der nie-
derrheimsthen und niederländischen Schule so vorzugsweise
eigenthümlich geworden ist; die Gewandung ist in beyden
einfach und edel, das Gewand von Christus in Nr. li,
vorzüglich schön. Ucberail treten noch die welcher» Fal-
ten hervor.

Die symmetrische Compvsiti'on be» richtigen Längen-
verhältniffen, aber dünnen Formen der Körper, das Edle
in den Gesichtern, bey,mangelndem Ausdruck derselben, die
einfache Gewandung, die Härte der Umrisse, die Flachheit
der Formen, der Mangel an Farbenglanz und Tiefe des
Schattens, das Beybehalten deö Goldgrundes und die
unvollkommene Anwendnng der Linienperspektive, alles
E'genthümlichkciten der Köllner Schule, treten mehr ode.r
weniger in den Nummern der nördlichen Wand Nr. i?.
15. 34."58. 18. und in Nr. 6. der westlichen Wand
hervor.
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