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so

stehen sie hier bepsammen; ihnen gegenüber ist Elisabeth
die duldende. Dort in Wehrda soll sie täglich Werke
der Liebe gethan haben. Ein zweytes Gemälde zeigt Eli-
sabeth in dem Gehöfte entweder des von ihr gestifteten
Hospitals oder des Armenhauses in Marburg, wahrscbcin-
lich in einer Abschiedsscene. Sie reicht einer weiblichen
Gestalt die Hand; die leztere scheint unaussprechlich dabey
zu leiden, sie hat die Hand unter vielen Thränen auf die
Brust gelegt. Jugend, Unerfahrenheit und Sanftmuth
sprechen ans den Zügen dieses Gesichts. Diesmal ist Eli-
sabeth die Stärkere, sie scheint die Scheidende zu segnen.
Unter der Hausthnre steht ein ältlicher ehrwürdiger Mann,
seine Stellung hat etwas Lauschendes, er zeigt sich nur
mit halbem Leibe und hofft etwas zu hören, was er
nicht hören sollte. Auch seine Stirne verkündet Ernst und
Strenge, doch auch viele Gutmüthigkeit. Aus einem Fen-
ster des-Hauses sehen mehrere Kinderköpfe, die verschie-
denen Eltern anzugehören scheinen. Durch die Thüre des
Gehöftes tritt eben Conrad von Marburg ein. Etwas
tiefer gesenkte Augbraunen scheinen Unzufriedenheit mit
diesem Austritt zu verrathen und seine Erscheinung den
Abschied zu beschleunigen. Wahrscheinlich lag dem. Maler
der Augenblick im Sinn, da sich Elisabeth auf Conrads
Befehl von ihren Freundinnen, Eisentraut und Judith,
trennen mußte. Der Laienbruder, der ihre alltäglichen
Angelegenheiten zu besorgen hatte, ist wohl der unter der
Hausthüre gelehnte Mann.

Die andere Flügelthüre ist mit zwe» Darstellungen
aus dem Leben der Maria geziert. Die eine zeigt Maria
alS Wöchnerin. Eben reicht ihr eine Wärterin Speise
dar, während eine andere das zarte Kind, das eben aus
der Badewanne kommt, in Windeln wickelt. Die Kopf-
verzierung, ein nach orientalischer Weise drepmal um den
Kopf sehr zierlich gewundenes Tuch, gibt diesen weiblichen
Köpfen ein jugendlich heiteres Aussehen.

Das zweyte Bild stellt den Tod der^Maria vor,
nur mit unbedeutenden Abweichungen von der bekannten
Schvreel'schen.Darstellung in der Boiffer-e'schen Samm-
lung. Das Gesicht der Sterbenden hat viele Anmuth,
kaum reicht die Kraft der Hand noch zu, das Licht zu
halten. Der unten am Bett stehende Apostel lieöt ihr
mit ernster und andächtiger Miene vor. Ihr näher steht
ein Apostel in priesterlichem Ornat, mit Weihwedel und
Weihkessel, ein schönes männliches Gesicht. Er scheint die
Sterbende zu fragen, ob sie die Weihe verlange.

lieber das Gesicht des zunächst stehenden Apostels ist
der Ausdruck ungemein milden und freundlichen Ernsts
verbreitet. Er trauert nicht, er kennt den Boten des
Friedens zu wohl, nur ein stilles Gebet für die entfliehende
Seele ist alles, was er thun kann. Im Vordergründe
dieses Bildes kniet ein Apostel vor einem Altar. Kummer
und Schlaf haben ihn zur Ruhe gebracht und ihm den

Abschied erspart. Am meisten Ausdruck und Empfindung
hat der Maler in das Gesicht des Johannes gelegt; der
Schmerz geht bep ihm tief,- es stirbt ihm mehr, als nur die
Freundin. An der obern Decke des Sterbczimmers deu-
tet ein kleines Bildchen ans die Himmelfahrt der Maria.
Sie hat das Jesuskind auf ihrem Arm. Wird diesen Ge-
mälden sorgfältige Pflege geschenkt, so mögen sie sich noch
lange erhalten.

Oben au der Spitze deö Bogens, der Schiff und Chor
des Kirchleins trennt, sehen wir noch eine betrachtens-
werthc Gruppe geschnizter Figuren. Jesus in der Mitte
seiner zwölf Apostel. Die Figuren sind etwa Schuh
hoch, aber trefflich gearbeitet. Hier, wie unten an dem
Hauptbilde, dieselbe Kunst, zu individualisircn; jeder die-
ser Köpfe hat das Charakteristische an sich, das ihn nach
der Ueberlieferung der Geschichte auszeichnete, besonders
ist der Petruskopf durch seine eigenthümlichen Züge bemer-
kenswerth. Um den Meister von den Schülern zu unter-
scheiden, hat der Künstler ihn höher gesezt, als diese, und
ihm ein ältlicheres Aussehen gegeben. Der Bildung die-
ses Gesichts liegt die allgemeine Idee zum Grunde, die
sich die Kirche vom Aussehen des Herrn gemacht hatte.
Man kann sich aber der Vermuthung nicht enthalten, cs
möchten dem Bildschnitzer die Darstellungen aus dem Le-
ben der heiligen Elisabeth, so wie die übrigen Vcrzieruu-
gen des Reliquienkastens in der Elisabethenkirche zu Mar-
burg bekannt gewesen seyn. Was den unter seinen Apo-
steln sitzenden Meister betrifft, so finden wir die Gruppe
oben an der Wand der Kirche eben so gestellt, wie an dem
Reliquienkasten, hier wie dort Christus in seinem Lehr-
amte, hier wie dort sitzen die Schüler niedriger als der
Meister, hier wie dort sind die Gestelle, auf denen die
Füße der Sitzenden ruhen, rund gearbeitet. Auch die
Darstellungen aus dem Leben der Elisabeth auf dem Al-
tar sind mit denen zu Marburg verwandt; denn daß jene
Gruppe oben, wie die Verzierungen des Altars von ei-
nem Meister sind, ist wohl keinem Zweifel unterworfen;
dieselbe Anlage und treffliche Gruppirung, dieselbe pünkt-
liche Ausführung der kleinsten Theile.

Betrachtet man die Maria mit. dem Mantel und die
Anbetung derselben auf dem Altäre, so muß man an Mi-
chael Wohlgemuths Maria d'enken, unter bereu Mantel
er alle Fürsten der Erde gestellt hat; also auch hier
W och lg emuth'sch e Schule. Aus dieser Schule mö-
gen wohl mehrere Darstellungen von dem Tode der Ma-
ria ausgegangen sepn, au denen Schoreel bep seinem Auf-
enthalt in Nürnberg die seinige absah.

Noch sind in diesem Kirchlein die vier Evangelisten
an der Kanzel zu bemerken, die nicht ganz ohne Werth,
doch auch nicht aus der Dlüthezeit der deutschen Kunst
sind.

(Die Fortsetzung folgt.)
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