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und erhebt mit der Rechten den Lilienstab. Neben ihm
hält der Herzog von Conegliano das entblößte Schwerdt
Carls des Großen empor; als der älteste französische
Marschall ist er hier in der Funktion des Connetables.

Weiter entfernt, am Ende des Kreuzesarmes sieht
inan einige Mitglieder der Pairskammer. Gerne sähe
man neben ihnen auch einige Deputiere. Es ist wahr,
die Kammer der Deputirten stand den Pairs gegenüber
und war mithin außer dem Gesichtskreis des Malers;
aber diese kleine Lüge hatte die öffentliche Mepnung be-
friedigt. In der Ecke des Bildes zur Linken sieht man
die Hatschiere und Fahnenträger auf der doppelten Treppe
aufgestellt, welche zur Platform führt. Im Hintergründe
sind die Tribünen; auf der mittleren befinden sich die
Prinzessinnen, und Hr. Gerard hat den glücklichen Gedan-
ken gehabt, auch den Herzog von Bordeaux darin auzu-
briugen; das diplomatische Corps figurirt auf der anstos-
senden. Die übrigen, entfernteren sind von dem Publi-
kum eingenommen.

Ueber daS künstlerische Verdienst des Werkes fällt
nun der Verfasser des genannten Aufsatzes in der Haupt-
sache folgendes Urtheil.

Sämmtliche Figuren und Gruppen sind gut geordnet
und treten deutlich auseinander. Man hat es dem Künst-
ler zum Vorwurf gemacht, daß er den König und den
Dauphin im Profil dargestellt. Aber wie konnte er zwei)
sich Umarmende auf andere Weife deutlich zeigen? Ge-
gründeter vielleicht ist der Tadel, daß er die gothischen
Arkaden zu sehr verkleinert hat, wodurch eine der größ-
ten Kathedralen hier in den Dimensionen einer gewöhn-
lichen Kirche erscheint. Auch war es nicht wohlgethan,
an die Stelle der von den HH. Lecointe und Hittorf bep
der Feyerlichkeit selbst angeordneten Dekoration eine Phan-
tasiedekoration zu setzen.

Noch andere Fragen hat die Kritik aufgeworfen, die
jedoch leicht zu beantworten sind. Warum sieht man die
damaligen Minister nicht in dem Bilde? Aus dem ein-
fachen Grunde, weil sie am Altäre stehend außer dem
Gesichtskreise desselben waren. Aber warum sieht man
keinen Gelehrten, keinen Künstler, keinen berühmten Ne-
gozianten? Weil sie bey der Krönung nicht gegenwärtig
oder nicht in Thätigkeit-waren. Wie kann man den Ma-
ler über Auslassungen zur Rede stellen, die in der Sache
selbst liegen? War er verpflichtet, diese Lücken auszufül-
len? Zehn Gemälde wie das seiuige würden nicht hin-
reichend gewesen seyn, alle Prätentionen zu befriedigen,
und wenn er jedem, berühmten Namen einen Ehrenplatz
hätte einräumen müssen, so wäre seine Composition zu
beklagen.

Mit mehr Grund darf der Kritiker den Künstler
darüber zur Rechenschaft ziehen, daß er, ein berühmter
Schüler Davids, der Vermuthung Raum gegeben, als be-
günstige er die Lehre der neuen Schule, indem er vor
Allem dem brillanten Effekt der Palette nachgestrebt, in
welchem weder Kolorit noch Harmonie des Tones besteht.
Diese Seiden-, Sammt- und Gvldstoffe, diese Massen
von Hermelin sind, vortrefflich wiedergegeben, und wenn
man nicht dieselbe Wahrheit in der Darstellung des Flei-
sches findet, so ist zu fürchten, daß sie dem Glanz der
Draperie geopfert worden sep. Noch allgemeiner ist der
Mangel des Helldunkels fühlbar, wodurch die Karnativn
ein Ansehen von Transparenz erhält, welches der Festig-
keit der Körper widerstreitet. Vielleicht auch wollte der
Künstler das gebrochene Halblicht wiedergeben, welches
in dem ganzen Gebäude die Gegenstände von allen Seiten
auf eine unbestimmte Weise erhellte. Trotz diesen Un-
vollkommenheiten, die. wohl weniger einem System als
dem übertriebenen Verlangen, der Lokalwahrheit getreu zu
bleiben, zuzuschreiben sind, findet man viele Schönheiten
in den einzelnen Figuren und besonders sind fast alle
Kopfe vollkommen ähnliche Bildnisse; in dieser Beziehung,
wie in Hinsicht auf getreue Darstellung der Haupt- und
Nebenstellen und des Ranges der dargestcllten Personen,
so wie in Bezug auf den Styl ist diese Composition eine
wahrhaft historische zu nennen.

Deutsche Kunst in Genf.

(Fortsetzung.)

Vierter Zeitraum, von 1460 bis 1599, oder
Nürnbergische Zeit.

Das schöne Kunstleben erhielt sich nicht am Nieder-
rhein, sondern zog sich nach dem mittäglichen, nach Ober-
deutschland, zumal in die Städte Nürnberg und Augs-
burg, wo im XV. und XVI. Jahrhundert tüchtige Kunst-
schulen blühten. Diese Städte theilten sich damals für
Deutschland, für den ganzen Norden und Osten in den
indischen Handel. In ihnen war Reichthum, Lurus,
Pracht, Geschmack und Vergnügen zu Haus. Besonders
Dichtung und Kunst wurden da hoch gehalten, reichlich
unterstüzt und gepflegt. Damals lebte die Familie Fug-
ger, die sich durch glückliche Handelsfpekulationen, Bank-
geschäfte und den Kaisern und Königen jener Zeit ge-
machte Darleihen ein unermeßliches Vermögen erworben
hatte. Diese Fugger nahmen auch für die Verwendung
ihres Reichthums die Medicis von Florenz zum Muster,
wie bevde Familien ihren Reichthum auf gleiche Weise
erworben hatten. Wiewohl nicht so im Großen, wie die
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