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282

Gegenstand,: zuwende, daß er nicht lieber die Frömmigkeit
in ihrer wahren Gestalt, als in einer Verirrung zeige.
Freilich ist es kein heiterer Gedanke, daß auch das höchste
Gut des Menschen, die Kraft der Erhebung zur Gottheit,
sich mit den dunklen Leidenschaften verbinden und zerstö-
rend und verwirrend wirken kann, und weiche Gemüther
mögen sich scheuen, eine so traurige Vorstellung näher
in'ö Auge zu fassen. Allein an und für sich ist kein
Geschichtliches trübe, jede Erscheinung, die ganze Volker
betrifft und in das geistige Leben eingreift, hat auch ihre
erhebende Seite, und wenn die zarter», ich mochte sagen
weiblichen Seelen sich von der herben Außenseite znrück-
schreckeu lassen, so ist cS dem männlichen, ernstern Geiste
Bedürfniß, gerade dieses Dunkel zu durchdringen, das
Echte, was darin mit feindlichen Elementen kämpft, zu
erkennen. Freilich mag diese tragische Seite der Geschichte
nicht die nächste, eigentliche Aufgabe der Kunst fei;»; die
glücklicher» Momente, wo der Geist sich leichter gestaltet,
mögen ihr näher liegen. Allein sie schließt sie auch nicht
aus, wie sie überhaupt nichts ausschließt, und wir dürfen
mit dem Künstler nicht rechten, wenn auch er zu den
ernster» Gemüthern gehört, die nicht eher befriedigt sind,
als bis sie auch in dunklen Stellen klar sehen. Mast
kann es nicht genug wiederholen, daß die Entstehung des
Kunstwerks frei ist, wie die der natürlichen Dinge, mensch-
lichem Willen nicht unterworfen; der Künstler darf nicht
wollen; die Gestalten steigen aus einer tiefer» Regio»
seines Wesens auf, als die ist, in welcher der Willen
seinen Sitz hat, und seine höchste Weise ist es, diese
Eingebungen nicht zu verfälschen, niemals zu wollen, nie
daö Selbstgemachte oder von Andern Herbeigewünschte für
Freientstandenes zu geben. Diese Wahrheit und Keusch-
heit ist die Grundbedingung der Kunst, und wir müssen
cs dem Künstler Dank wissen, wenn die Lockungen des
Heitern und selbst des anscheinend Frommen ihn nie von
ihr abziehen. Es ist aber auch nicht zu verkennen, daß
in unserer Zeit etwas liegt, was diese herben Stoffe
herbeiruft. In einer Zeit, wo die historischen Keime
höchst entwickelt, fast bis züm Uebergange in ein ganz
Andres entwickelt sind, und daher die Meisten zwischen
zwei Ertremen schwanken, entweder das Hcrvorgebrachte
ganz zu verwerfen und ein vermeintlich Neues, Vernünf-
tiges zu erstreben, oder, mit Verkennung des Gegenwär-
tigen, starr und einseitig an den Formen der Vergangen-
heit zu haften; in einer solchen Zeit ist die Anregung
des historischen Sinnes ein wahrhaft religiöses Vedürf-
niß, damit man fühle, daß jede historische That nicht ein
in sich Abgeschlossenes, sondern nur ein dunkler, unvoll-
kommener Beginn einer sehr entfernten Vollendung ist,
daß eigentlich jede Erscheinung eine trübe bleibt, weil sie
von widerstrebenden Elementen gehemmt ist, jede aber
auch ihre große erhebende Seite hat, weil in jeder das

Wirken Gottes zu erkennen ist. Freilich setzt dies voraus,
daß der, welcher sich berufen fühlt, solche Momente dar-
zustellen, darin nicht bloß die dunkeln Mächte, sondern
auch das Bessere erkennt und zur Anschauung bringt,
natürlich nur durch die That und die Wahrheit und ohne
also im Mindesten die Schwärze des Schattens, welcher
das Charakteristische der Erscheinung ausmacht, zu mil-
dern. Es-muß also auch ein solches Kunstwerk nur zu-
nächst einen herben Eindruck machen, der sich bei wei-
tcrm Eingehen wieder mildert, .-worüber aus den
Andeutungen einer Farbenskizze nicht mit Gewißheit zu
urtheilen ist. Wohl aber ist es schon hier auffallend
und zeigt den tiefen Zusammenhang mit einem wahrhaft
religiösen Elemente, daß unter diesen Zuhörern sich einige
mit einem so wahren Ausdrucke der Frömmigkeit finden,
wie man sie seit der Zeit, in welcher die Künstler ihre
frommen Donatare neben den Schutzheiligen pvrträtirten,
nicht leicht angetroffen hat.

Von eigentlich religiösen Stoffen habe ich nur ein
Bild zu erwähnen, Christus mit Petrus auf dem Wasser,
größere Ausführung eines auf der vorjährigen Ausstellung
gesehenen Bildes von Götting. Es ist eine Stiftung
für denDom zu Halberstadt, theils vom hiesigen Vereine,
theils von Beiträgen dortiger Privatleute angeschafft, und
wird eine würdige Zierde dieses herrlichen Gebäudes
werde». Jetzt schienen manche Theile noch nicht vollen-
det, und der Cyristuskopf erreichte nach der Meinung
Einiger nicht die Bedeutung, welche er auf dem Carton
gehabt hatte. In der Regel sind die neuern Darstellun-
gen des Heilandes auch nach dem allgemeinen Urthcile
zu weichlich, ein deutliches Zeichen (denn im Urtheile des
Formensinueö spricht sich das Gefühl unbefangener auö,
alü in Worten), daß die religiöse Auffassung nicht ganz
mit der innersten Empfindung harmonirt. Es scheint,
daß man daö Leiden zu sehr heraushebt, entweder das
körperliche, das der wahrhaft fromme Sinn stets
untergeordnet hält, denn schon ein begeisterter großer
Mensch hätte cs leicht und standhaft ertragen, oder das
geistige, das Mitgefühl mit den gefallenen und mit
den der Erlösung widerstrebenden Menschen, welches in
der göttlichen, die Dinge von Anfang her wissenden Na-
tur wenigstens nicht als Leiden erscheinen kann-

(Die Fortsetzung folgt.)

Neue Kupferstiche.

Corrcggio's heil. Franziskus, gestochen von P. Lutz.

Die Nittner'sche Kunsthandlung in Dresden oder Hr.
Ernst Arnold erwirbt sich ein neues, daö Interesse aller
Kunstfreunde in Anspruch nehmendes Verdienst, indem er
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