Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 15.1834

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M 101;

Kunst-Älatt.

Donnerstag, 18. December 1834.

Uel'cr Marc - Antonio Naimondi von
Bologna.

(Beschluß.)

Von dm Zeichnungen Rafacl's, welche dem Marc-
Anton als Vorbilder dienten, haben sich noch mehrere,
sowie retouchirte Probeabdrücke erhalten. Man sieht
auch aus ibnen, daß eine ganz eigenthüinliche Art des
Vortrags, welche man wohl Styl nennen könnte und
worin er die Gedanken Nafacl's übertrug, dem Marc-
Antonio eigen war. Marc-Anton hatte sich seine'
ganz eigene Art und Meise, nachdem er erst bei dem
Maler und Goldschmid Francesco Francia Rai-
bolini durch Arbeiten in Niello eine gewiß strenge und
gute Schule durchgemacht hatte, aus der glücklichen Nach-
ahmung der Holzschnitte und Kupferstiche von 21. Dü-
rer und Lucas von Leiden gebildet, und als Rafael
dieses große Talent erkannte und es sich aneignend in
seine belehrende und höchst einflußreiche Nahe zog, ent-
standen unter seiner unmittelbaren, vielleicht selbst hand-
anlegenden Leitung und Einwirkung jene herrlichen,
von dem Geiste des »Göttlichen« erfüllten Blätter,
welche noch immer die Bewunderung aller wahren Kunst-
kenner erwecken und unterhalten.

Die Tradition sagt uns, daß Rafael oft selbst die
Umrisse auf den Platten Marc-Anton's verbesserte
und seiner zog, und es ist bei dem großen Antheil, wel-
chen er an der Verbreitung seiner eigenen Schöpfungen
nahm, auch wahrscheinlich; allein daß Marc-Antonio
in seinen Leistungen groß und selbstständig war, ist daraus
zu ersehen, daß er auch nach dem Tode Rafael's mei-
sterhafte Werke lieferte. Ein Beleg hiezu ist das große
Blatt, die Marterung des heil.Laurentius nach Vaccio
Vandinclli, wovon man beinahe mit Gewißheit ver-
muthen kann, daß die Arbeit des Kupferstechers besser
als die Originalzcichnung war, wenn man auch Pabst

Clemens VII. nicht als entscheidenden Kunstkenner gelten
lassen will. *)

Die beiden vorzüglichsten Schüler Marc-Anto-
nio's, Augustin Venetus und Marco di Raven-
na, scheinen nur unter seinen 2lugen ausgezeichnet
gut gearbeitet zu haben, und man kann der Meinung
des geistreichen Kenners Bartsch in seinem Peintre
gravcur, daß Marc-Ravenna die Wiederholung
des Kindcrmordes ohne Bäumchen gemacht habe,
T. XIV. P\ro. 20. Repetition de J\ro. Z8, p. 21,
im Vergleich mit seinen, übrigen Slrbeiten nicht

*) Anmerkung zu der Beschreibung des erwähnte» Blat-
tes nach V. Bandinelli im Peintre gravcur von
21. Bartsch, T. XIV. IVro. 104, p. 89« Le marlyre
de St. Laurent. Dieses Blatt ist eins von denen,
worin Ma rc-An tou i o gezeigt hat, wozu er in
seiner größten Kraft fähig war. Es war nach dem
Tode Rafael's, als er dasselbe für den Cavalicr Vac-
cio Bandinelli mit solchem Erfolge stach, daß, alö
dieser Bildhauer sich beim Pabst Clemens VH. über
den Kupferstecher beklagte, indem er viele Fehler ge-
macht und sich nicht treu an sein Vorbild gehalten
hätte, der Pabst alS Kenner, nachdem er die Zeichnung
mit dem Kupferstiche verglichen hatte, nrthcilte: daß
Marc-Antonio nicht allein keine Fehler gemacht,
sondern baß er mit vieler Umsscht deren verschiedene
und nicht unbcdcutcndc Bandinclli's verbessert und
daß er im Ganzen die Originalzcichnung übertroffcn hätte.
(S. Vasari vita di Marc-Antonio. T. VII. p. 150.)

Man bemerkt in der Thal, daß Marc-Antonio,
an die Grazie Rafael's gewöhnt, seinem Werke et-
was von der schönen Manier dieses herrlichen Meisters
hinzugefügt und daß er, so zu sagen, den etwas wilden
und manicrirtcn Styl Bandinclli's gemildert hat.
Bei diesem Blatte kann man über den Unterschied der
Anordnung und Behandlung eines Gegenstandes, von
einem Maler oder Bildhauer anSgcführt, urthcilen, so
wie über denjenigen der storentinischcn und römische»
Schule, was den Faltenwurf der Gewänder, die Art des
Köpfpuges, den Ausdruck und besonders die Kcnutniß
der Muskeln und Anatomie betrifft, woraus die Floren-
tiner zu allen Zeiten ihr Hanptstudium gemacht haben.
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