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theilen. Beide Blätter des Kindermordes, so verschieden
wie geistreich behandelt und jedes unübertrefflich in sei-
ner Art, müssen von Marc-Antonio gestochen seyn,
indem Marc-Ravenna in seinen bekannten, ihm
ganz zugeschriebenen Arbeiten diese Vortrefflichkeit nir-
gendwo erreicht hat.

In München befand sich ein Abdruck von dem Kim
dermord mit dem Bäumchen (Bartsch, p. gravcur, T.
XIV. ISro. iS, p. 19) in Privathänden, welcher ans eine
so köstliche Art mit Bister ausgetuscht und in der Licht-
partic» mit Weist gehöht war, dast man wohl darin die
Hand Nafael's oder Marc-Antonio's vermuthen
konnte. Zweifelhaft schien es nur zu seyn, ob der mit
Absicht etwas mattgchaltene Abdruck von der noch un-
vollendeten oder sehr. oft abgezogenen Platte genommen
war. Ersteres würde ganz für die obige Annahme ge-
sprochen haben, sowie dafür, dast dieses Hülfsmittel dem
Marc-Antonio zur Vollendung seiner Platte gedient
habe. *)

Die vorzüglichsten, vollständigsten Sammlungen von
Marc-Antonio's und seiner Schüler Werken, wozu
noch Jakob Caraglio, Julius Vonasone, der Meister
vomWürfel (aude), Nikolaus Bcatrizct, Aeneas Vi-
cuS und Zohann, Georg, Adam und Diana Ghisi zu
gehören scheinen, mögen wohl in Wien und Paris seyn.
Von Marc-Antonio und seinen vorzüglichsten Schü-
lern, Venetus und Ravenna, beschreibt Bartsch im
p. gr. T. XIV. 652 Blätter, die drei- und vierfach oft
vorkommenden verschiedenen Kopien anderer gleichzeitigen
Kupferstecher ungerechnet. Von den übrigen wahrscheinlich
zu M a r c- A n t o n i o's Schule gehörenden Meistern werden

*) Anmerkung von A. Bartsch, Peintre-grnveur, T. XIV.
Nro. SSO, p. 262, Galathc'c. Dieses Blatt ist nach
Rafael von Marc-Antonio gestochen und eins
der schbnsteu und seltensten in seinem Werke. Das
Täfelchen ohne die Buchstaben JVF befindet sich unten
rechts.

Die kaiserliche Bibliothek in Wien besitzt einen Ab-
druck von diesem Stiche von unschätzbarem Wcrihe.
Rafael hat ihn mit der Feder und einer wunder-
baren Geduld rctouchirt; cs ist nicht eine Stelle da-
rin, worin er nicht gearbeitet hätte, vorzüglich in den
Uebergängen vom Schatten i»'s Licht. Cr hat sich
hier der Punkte bedient, um die Schatten mehr ver-
laufen zu machen und zugleich dein Gegenstände mcliv
Nnndung zu geben. Wenn man von der andern Seite
die Umrisse untersucht, so findet man nicht einen eins
zigen, den er nicht korrigirt hätte; einige sind erwei-
tert, andere verengert, so wie cs nbthig schien, sie ele-
ganter und richtiger zu machen. Nach dem Berichte
Mariettc's kam dieser Abdruck aus einer Sammlung,
welche von Frankreich nach Spanien gekommen war,
und man vcrmuthetc, das« er ein Geschenk Ra fael's
an eine» Groben dieses Hofes war.

ütT. XV. dem Jakob Caraglio 64, Bouasone 554,
dem Meister vom Würfel 85, Bealrizct los, Aeneas
Bicus 494, den Ghisi 266, A nvnynien 87 und
weniger Ausgezeichneten 154, in Summa 1012 Blätter
zugeschrieben, so daß die ganze zusammenhängende Schule
2264 Blätter ohne die.Kopien umfassen wird. In Mün-
chen, Dresden, Frankfurt bei Hrn. Brentano sieht
man schöne Sammlungen mit manchen ausgezeichneten
Eremplaren, doch fehlt an der Vollzahl noch Vieles. Das
Meiste ist im Kunsthandel und in Privathänden zerstreut.

Gewiß wäre auch in Berlin, wie in den andern
deutschen Hauptstädten, wo sich so viele darauf Bezug
habende Kunstwerke befinden, eine ausgezeichnete Kupfer-
sammlung von den ältesten Kunstbestrebuugen bis zur
neuesten Zeit für Kenner, Künstler und Liebhaber zu
wünschen, wozu auch gewiß schon viele Materialien vor-
handen sind.

Ein großer Uebelstand, besonders bei unersetzlichen
Eremplaren, ist das viele Anfaffen und Uebereinandcr-
schieben derselben von unkundigen und ungeschickten Hän-
den, wodurch schon so nian»eS schöne Blatt ruinirt
worden ist. Eine nach der Kunstgeschichte systematisch
und chronologisch geordnete, nacheinander durch mehrere
Zimmer fortgesetzte Folge des Ausgezeichnetsten aus jeder
Schule und allen Zeiten, unter Glas und Nahmen aus-
gestellt, würde den Besuchenden einer solchen Sammlung
eben so unterrichtend als angenehm seyn, und manchen
Ungeweihten von dem Durchsehen der Mappen abhalten,
auch das beste Mittel zur Erhaltung ganz vorzüglicher
Werke seyn. Die ganze Geschichte der Kupferstecherknnst,
mit ihren Vorzügen und Verirrungen, ließe sich auf die
Weise besser und ohne Lücken als wie in Gemälden dar-
stellen und übersehen. Wahrscheinlich ist dieser Vorschlag
noch nirgendwo im Großen und Ganzen ausgesührt wor-
den, und die geschmackvolle Realisirung desselben würde
gewiß einen ungemein angenehmen Eindruck hcrvorbrin-
gcn. Bei ganz vorzüglich zarten alten Handzeichnungen,
wo oft eine matte Bleististspur einen Entwurf verständ-
lich macht, wäre eine' solche Art der Aufbewahrung noch
mehr zu empfehlen.

Unserer Zeit ist es mehr wie jeder andern gegeben,
in der Anlage solcher Sammlungen mit Klarheit und
Umsicht zu verfahren, um Millebende und Nachkommen
dadurch zu erfreuen und zu belehren.

Mögen diese flüchtigen, wohlmeinenden Gedanken hie
und da Anklang und Uebereinstimmung und eine wohl-,
wollende Aufnahme finden!

Franz Rühlen.
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