Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 6.1825

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Nr. 89

Kunst-Blatt.

Montag, den 7. November 1 g j 5,

Das neue königliche Landhaus auf dem Rosensiein
bey Stuttgart.

Dieß Gebäude, welches durch seine Bestimmung,
seine Lage und Einrichtung die öffentliche Aufmerksamkeit
vielfach erregt, wird zwar erst in rin Paar Jahren be-
wohnbar werden; da es aber vor Kurzem unter Dach ge-
kommen ist, und sowohl von außen alö von innen bereits
den Ueberblick seiner Anordnung gestattet, so dürfte es
unfern Lesern von Interesse sepn, etwas Näheres darüber
zu erfahren.

Die Lage ist eine der anmuthigsten, die man wün-
schen kann. Am Ende des Baumgangs, welcher durch
den königlichen Schloßgarten von Stuttgart nach Kann-
statt führt, erhebt sich ein Hügel, dessen Abhang nur
durch die Landstraße vom Neckar getrennt wird. Er ist
gleichsam das Vorgebirg der hohen Flache, die sich nörd-
lich gegen die Slraße von Ludwigsburg hinzieht und künf-
tig mit der Umgebung des neuen Landhauses einen großen
königlichen Park ausmachen soll. Nach Osten und Süden
hat man die reizendste Aussicht auf den Lauf des Neckars
in einer mehrstündigen Ausdehnung, da der Blick auf
einmal die malerische Lage von Bellevue und Kannstatt,
die Ebene am Fluß hinab und hinauf, mit mehreren an
ihm gelegenen Ortschaften, die Berglinie mit dem sie be-
herrschenden Rothenberge, und im Hintergrund noch ei-
nen Theil der schwäbischen Alp umfaßt. Im Vorder-
grund schließt sich alsdann das Dorf Berg an, und das
Auge verfolgt gegen Westen zu die reichen Pflanzungen
des königlichen Schloßgartens, die gefälligen Linien der
Stuttgarter Berge und der Stadt selbst, welche zusammen-
gedrängt aus großen Baummaffen bervorragt.

Auf diesen Hügel, von Gärten umgeben, sollte nach
dem Willen Sr. Majestät des Königs ein Landhaus
zu stehen kommen, bequem und angenehm zur Wohnung,
und vou schönem Aeußern, weil es von allen Seiten zu
sehen ist und den Umgebungen der Hauptstadt zum Schmuck
dienen soll. Es sollte nur ein einziges Stockwerk, nicht
zu hohe noch zu große Zimmer, »nd im Ganzen vielmehr

ein heiteres und angenehmes, als ein großes und präch-
tiges Ansehen erhalten.

Für seine Bestimmung, theiks zur Sommerwohnung
der königlichen Familie, thetls zu Gesellschaften, hielt
man es für angemessen, das Gebäude mit Säulenstellungen,
Vorhallen und Sälen zu versehen, welche durch eine be-
deutendere Höhe dem Ganzen Mannichfaltigkeit und die
Würde erlheilten, die sich für eine königliche Wohnung
ziemt.

Zugleich forderte die schöne Lage und angenehme Ge-
gend, daß den Hauptwohnzimmern die angenehmste Aus-
sicht, freye Ausgänge nach dem Garten und besondere
Eingänge gegeben würden, damit man nicht nöthig hätte,
sich stets des Haupteingangs zu bedienem

Der königliche Hofbaumeister Hr. Salncci nahm
daher die Form eines rechtwinkligen Parallelogramms von
260 Fuß Länge unb.160 Fuß Breite an, welches durch
ein höheres durchlaufendes Mittelgebäude in zwey Flügel
und im Innern in zwey viereckige Höfe getheilt ist.
Das Mittelgebände enthält einen großen Saal, wel-
chem nach vornen zu ein Vestibulum, nach der Flußseite
zu der Speisesaal sich anschließen, so daß er durch beyde
mit den Gemächern der Flügel in Verbindung steht.

Dieß Mittelgebäude hat auf bepden Hauptfaxaden
einen vorspringenden Portikus von sechs Säulen als
Haupteingang, wovon der vordere mit einer Auffahrt
versehen ist; die bepden Eckpavillons jedes Flügels sind
mit kleineren Portiken von vier Säulen versehen, und
zwischen diesen und dem Hauptportikns hat jeder Flügel
sechs Fenster. Jede Nebensa<;ade der Flügel hat eine
Reihe von sieben Fenstern und auf jeder Ecke einen mit
der Fa-?ade gleichlaufenden Portikus von zwep Säulen. *)

*) Für bic Anordnung hat der Architekt bas System ber
Areneintheilunq befolgt. Die Hauptfa?abe hat 29 Axcn-
txyitcn, 7 für die SäulcnstclUmg des großen Pcristyls,
z für bic Hanptfaoabe des Eckpavillons, und 6 für bie
Fe,,stcr zwischen beybe». Von den 17 Arenweiten ber
Nebcnseiten bilden 5 an Heber Ecke bie Nebenfaoabe der
Eckpaoillons, und 7 bie Fensterreihe in ber Mitte.
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