Wanner, Peter [Red.]
Heimatbuch der Stadt Lorch: Lorch: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster — Lorch, 1990

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Stift und Pfarrkirche Lorch

Im Jahr 1911 erschien in der Reihe der »Württembergischen Ge-
schichtsquellen« aus der Feder des württembergischen Landes-
historikers Gebhard Mehring eine Quellensammlung zur Ge-
schichte einer Pfarrkirche. Ihr Titel: »Stift Lorch«.59 Weshalb
hat Mehring aus den zahlreichen württembergischen Pfarrkir-
chen gerade die Lorcher herausgegriffen? Die gute Quellenlage,
die den Ausschlag gegeben haben dürfte, ist zu einem guten Teil
das Werk jenes Lorcher Mönchs Augustin Seiz, dessen Bemü-
hungen um Schriftlichkeit oben bereits ausführlich dargestellt
wurden. Zum einen nahm er in das Rote Buch auch etliche Texte
zur Geschichte der Kirchen der Lorcher Großpfarrei auf, zum
anderen schrieb er ein Quart- und ein Folioheft mit wichtigen
Aufzeichnungen zu Pfarrei und Landkapitel Lorch.
Das Quartheft des Bruders Augustin, angelegt im zweiten Jahr-
zehnt des 16. Jahrhunderts, trägt heute im Hauptstaatsarchiv
Stuttgart die Signatur H 14 Bd 175a. Sein wichtigster Bestandteil
ist die lateinische Gottesdienstordnung von 1508 (»Consuetudi-
nes parrochialis ecclesie in villa Lorch«, gedruckt Mehring 1911,
S. 131 - 146), die über das liturgische Leben an der Lorcher
Pfarrkirche in der Reihenfolge des Kirchenjahrs detailliert Aus-
kunft gibt. Sie wurde niedergeschrieben zur Kenntnis der Lor-
cher Pfarrer, doch ohne daß den Rechten von Abt und Konvent
Eintrag geschehe (Mehring 1911, S. 146). Die Perspektive, aus
der dieses »Handbüchlein der Pfarrei Lorch« von Seiz aus ver-
schiedenen Quellen zusammengestellt wurde, ist freilich die des
Klosters Lorch. Nur so erklärt sich die Aufnahme der dem Seel-
buch der Welzheimer Kirche entnommenen Einkünfte der (dem
Kloster Lorch inkorporierten) Pfarrei Welzheim, die eben nicht
zum Sprengel der vier in Lorch amtierenden Pfarrer gehörte.
Weitere Punkte des Inhalts: Anteil zweier Pfarrpfründen am
Dorf Lorch, Filialen der vier Pfarrpfründen, Einkünfte und
Pflichten des Mesners zu Lorch (das Mesneramt hatte der Abt
zu verleihen), Register der höchsten Pfründe 1511 (Kustorei-
pfründe, zusammengestellt von ihrem Inhaber Thomas Köllin),

Abnahme der Beichte durch den Helfer (adiutor) des Kustos,
Gastungspflichten des Kustos, Einkünfte und Pflichten des
Helfers, Einkünfte der Lorcher Kapellen St. Laurentius und
St. Leonhard, Einkünfte des Kirchenvermögens (des »Heili-
gen«), Jahrtage in der Lorcher Pfarrkirche.

Das Chorherrenstift Lorch, eine Gemeinschaft von Weltgeist-
lichen mit gemeinsamer Lebensform, erscheint als Institution
erstmals in einem Diplom König Konrads III. aus dem Jahr 1144
(DKo III Nr. 113). Die Stifter des Klosters Lochgarten waren
Eigenleute der Marienkirche in Lorch, von der es heißt, daß
Herzog Friedrich von Schwaben und dessen Sohn Friedrich
ihre Vögte seien. Erwähnt wird auch die Zustimmung der Ka-
noniker (»ad canonicos eiusdem ecclesie«) dieser Kirche, wes-
halb nicht das Benediktinerkloster Lorch gemeint sein kann.
Als die Staufervorfahren sich - vermutlich um die Mitte des
11. Jahrhunderts - im oberen Remstal etablierten, wählten sie als
Grablege, d. h. als geistlichen Mittelpunkt ihres Geschlechts,
die Lorcher Pfarrkirche. Die hier begrabenen frühen Staufer
wurden von Konrad III. - nach der Gründungserzählung des
Roten Buchs (Mehring 1911, S.2 f.) - in das Kloster auf dem
Berg übergeführt. Jakob Spindler weiß in seiner »Genealogia«
von 1550, die Staufer hätten die Kollegiatkirche Lorch gestiftet
(Seiffer 1969, S. 102) - daran wird ebensowenig zu zweifeln sein
wie an der Annahme, daß die Stiftung im 11. Jahrhundert erfolgt
ist (Mehring 1911, S.XXI f.). Weniger Glauben verdient Seiffers
Versicherung, das Stift habe einen Propst (nie belegt), sechs
Chorherren und sechs Vikare umfaßt.

59 Mehrings Wiedergabe der Quellen ist äußerst verdienstvoll, doch
gewinnt man bei näherer Beschäftigung mit der einleitenden ge-
schichtlichen Darstellung den Eindruck, daß man sich lieber an die ab-
gedruckten Quellen selbst halten sollte.

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