Wanner, Peter [Compiler]
Heimatbuch der Stadt Lorch: Lorch: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster — Lorch, 1990

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Die zweite Reformation des Dorfes Lorch

Wie bereits erwähnt, ist davon auszugehen, daß 1548 nach der
Rückkunft der Mönche versucht wurde, das Dorf Lorch wieder
dem katholischen Glauben zuzuführen. Nach Abschluß des
Passauer Vertrags 1552 stand aber wohl nichts mehr im Wege,
daß auch auf den Klosterpfarreien wieder die evangelische
Lehre eingeführt wurde. Man kann deshalb von einer zweiten
Reformation des Dorfes Lorch sprechen. Immerhin dauerte es
bis zum 5. Dezember 1553, bis ein evangelischer Pfarrer,
M. Kaspar Enz, seither Pfarrer in Weiler zum Stein, in Lorch
aufzog.53

Kaspar Enz versah bis zur Errichtung der Klosterschule die
Pfarrei allein, im Juli 1556 erhielt er »aus gnaden in ansehung,
das er die pfarr ain Zeitlang allein trewlich und fleissig versehen,
funff gülden« aus der Geistlichen Verwaltung in Schorndorf.54
Es ist anzunehmen, daß der 1557 entlassene Klosterpräzeptor
Erhard Bruno, der Vorgänger von Enz' späterem Kollegen Effe-
ren, ebenfalls im Pfarrdienst mithalf. Im Jahre 1559 wird berich-
tet, daß Efferen in einem Haus wohne, das dem Augsburger
Domkapitel gehöre, das auch die Bauunterhaltung wahrnehme.
Für das Pfarrhaus von Kaspar Enz hingegen hatte die Geistliche
Verwaltung in Schorndorf zu sorgen.55

Bei Gelegenheit der 1559 durchgeführten Erhebung über die
Besoldung der Pfarrer und ihre Pfarrhäuser wird auch berichtet,
daß Lorch mit seinen Filialen 921 Kömmunikanten habe, wo-
runter man die gesamte Bevölkerung über 14 Jahren zu ver-
stehen hat. Es ist also gegenüber den 765 Kommunikanten des
Jahres 1539 ein beträchtliches Wachstum festzustellen.
Die Unterscheidung der beiden Pfarrer am Ort wurde in der
Weise vorgenommen, daß derjenige, der die Filialen versah, der
»ältere«, und der der das Dorf versah, der »andere« Pfarrer ge-
nannt wurde. Später bürgerte sich die Unterscheidung Pfarrer
und Diakon ein, wie es in anderen württembergischen Orten
mit zwei Geistlichen auch üblich war, wobei dem Kloster-
präzeptor der Titel Diakon zukam. 6

Als Ergebnis der Reformation im Dorf Lorch ist noch die

Schule zu nennen. Zwar gab es zu Zeiten des Stifts Lorch schon
eine Schule am Ort, doch hatte diese Stiftsschule eine andere
Aufgabe als die in der Reformation begründete »Volksschule«.
Als Ergebnis der Reformation ist sie auch deswegen zu betrach-
ten, weil das Schulwesen damals ganz unter die Obhut der Kir-
che gestellt wurde. Dementsprechend war der Schulunterricht
auch kirchlich orientiert. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen
wurde Katechismus und Kirchengesang betrieben und der Leh-
rer zählte, wie der ihm vorgesetzte Pfarrer, zu den Kirchen-
dienern.

Von einer Schule im Dorf Lorch hören wir erstmals im Novem-
ber 1558, als der Kirchenrat beim Geistlichen Verwalter in
Schorndorf einen Bericht über diese Schule, den Schulmeister
und die Anzahl der Schüler anforderte.57 Demnach hielt in
Lorch, wie anderwärts auch, der Mesner »deutsche« Schule, wie
diese Schulart im Unterschied zu den in den Städten begründe-
ten Lateinschulen hieß. Den größten Teil seines Gehalts bezog
er in seiner Eigenschaft als Mesner, von den Schülern erhielt er
lediglich ein vierteljährliches Schulgeld. Dieses mochte sicher
viele Eltern davon abhalten, ihre Kinder in die Schule zu
schicken, zumal die Zahl von 40 - 50 Schülern für die stattliche
Bevölkerungszahl etwas zu klein ist. Im übrigen wurde diese
Anzahl von Schülern nur im Winter erreicht, wenn keine Feld-
arbeiten anfielen; darüber, wieviele im Sommer zur Schule ka-
men, schweigt sich der Bericht aus.58 Im übrigen gab es 1559
noch kein Schulhaus in Lorch, erst 1563 wird berichtet, daß man
unlängst eines gebaut hätte.59 Dies zeigt deutlich, daß man hin-
sichtlich des Schulwesens noch ziemlich am Anfang stand.

Hoffmann (wie Anm. 10), S. 42.
LKA A 3 Bd. 1, S. 9.

LKA A 12 Nr. 41, Kompetenzbuch 1559, Unter der Steig Bl. 300 ff.

Ebd. Kompetenzbuch 1580, Unter der Steig Bl. 570.

LKA A3 Bd. 1, S. 349.

Wie Anm. 55.

HStAA499Bü5.

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