Wanner, Peter [Compiler]
Heimatbuch der Stadt Lorch: Lorch: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster — Lorch, 1990

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Die Klosterreform 1462 und ihre Folgen

Die Benediktinerreform war eines der großen Themen des
15. Jahrhunderts. Die südwestdeutschen Benediktinerklöster
schlössen sich der vor allem über Kloster Wiblingen vermittel-
ten Reformbewegung an, die von dem österreichischen Kloster
Melk ihren Ausgang nahm. In den letzten Jahren hat vor allem
Klaus Schreiner mit seinen Beiträgen die Kenntnis dieser
Reformbewegung wesentlich gefördert. Die folgenden Aus-
führungen gelten vier Aspekten: 1. der Durchführung und
Organisation der monastischen Reform und den Beziehungen
zu anderen Reformkonventen; 2. den Erzeugnissen des Lorcher
Scriptoriums, der Schreibstube des Klosters, und der Lorcher
Mönche; 3. der Schreibtätigkeit des Mönchs Augustin Seiz und
seinem »Roten Buch«, wobei sowohl die Spiritualität als auch
die Verwaltungsschriftlichkeit zu berücksichtigen sind; 4. dem
klösterlichen Geschichtsbewußtsein, das sich aus dem Geden-
ken an die Klostergründer, die Staufer, entwickelte und nicht
zuletzt in dem Werk des ehemaligen Lorcher Mönchs Jakob
Spindler seinen Niederschlag fand.

Die Durchführung der Melker Reform

Für die Frühzeit der benediktinischen Reformbestrebungen im
deutschen Südwesten ist an den oben erwähnten Lorcher
Mönch Nikolaus Vener mit seiner Schrift über die Exkommu-
nikation der Mönche zu erinnern. Inwieweit Veners Uberzeu-
gungen in seinem Heimatkonvent geteilt wurden, muß offen
bleiben. Sicheren Boden betritt man erst mit dem Einsetzen der
Mitteilungen des Roten Buchs über die Reform. Das Rote Buch
vermerkt auf Seite 100, daß am 5. Februar 1462 das Kloster
Lorch von den Brüdern Johann Schmid, Prior von Blaubeuren,
Jodocus, Subprior von Wiblingen - dem späteren Abt Jos Win-
kelhofer - und Kaspar von Elchingen mit anderen Begleitern

reformiert worden sei. 1463 folgte ein Bruder Georg aus Blau-
beuren - der spätere Abt Georg Kerler. Das Rote Buch charak-
terisiert dann kurz die Abtszeit von Nikolaus Schenk von
Arberg, wobei vor allem die Bautätigkeit hervorgehoben wird.
Abt Nikolaus verzichtete schließlich auf sein Amt und gab es in
die Hände des Reformmönchs Jodocus.31 Von Widerständen
gegen die Reform erfährt man nichts. Auch die niederadlige
Verwandtschaft des Abtes, der Familienclan Schechingen-
Wöllwarth, scheint keine Einwände erhoben zu haben.

Auch aus anderen Klöstern ist bekannt, daß die Bautätigkeit von
der Reform gefördert wurde (Schreiner 1986a, S. 142). Als
fruchtbar erwiesen sich vor allem die regen Kontakte zwischen
den einzelnen Reformklöstern, die nicht nur Konventualen,
sondern auch Handschriften und Bauhandwerker austauschten.

31 Meine Rekonstruktion der S. 100 stützt sich auf den Befund der les-
baren Reste in Verbindung mit Literaturzitaten. Den Eintrag zur ei-
gentlichen Reform zitiert auf lateinisch vollständig Rothenhäusler
1886, S. 107 Anm. 2. Unmittelbar daran schloß sich der Satz OAB 1845,
S. 187 »qui multa bona et utilia et pulcra edificia perfecit in hoc mona-
sterio« (mit nicht gekennzeichneter Auslassung von ca. 3 Worten nach
»qui«) an. Dann lese ich »et specialiter ecclesias scilicet sancte Marie
virginis atque (?) sancti Egidii«, woran wohl anzuschließen OAB 1845,
S. 188 »ante portam monasterii«. Der Rest der Zeile mag das enthalten
haben, was Lorent 1867 S. 50 übersetzt: die Chronik melde, »daß er die
Aegidienkirche vor dem Thore des Klosters wieder hergestellt und
geschmückt habe«. Da ich glaube, in den nächsten beiden Zeilen »pri-
mus abbas infulatus« und »sub infule« lesen zu können, wird man den
Inhalt auf Lorents Worte, Abt Nikolaus haben von neuem die
Bischofsinsignien vom Papst erhalten und werde »manchmal« (wohl
Zusatz Lorents) der erste infulierte Abt genannt, beziehen dürfen.
Dann fehlen mir einige Zeilen Anhaltspunkte, doch scheint am Seite-
nende die von Lorent 1867 S. 53 vermerkte Niederlegung des Abtsam-
tes und Wahl des Jodocus gestanden zu haben. - Zu den württembergi-
schen Klosterreformen zusammenfassend: Stievermann 1985.

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