Lützow, Carl Friedrich Adolf von [Hrsg.]
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873 — Leipzig, 1875

Seite: 41
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Die bildenden Künste, Gruppe von Senk.

Das Kunstgewerbe.

I. Wohnungs-Ausstattung.
Drei Fragen werden sich uns im Folgenden vor allem aufdrängen, eine inter-
nationale, eine nationale und eine orientalische Frage.
Die internationale Frage, das ist die Reform der modernen Kunstindustrie
und des allgemeinen Geschmacks auf dem Wege der Lehre und des Unterrichts
durch Museen und Schulen. Von England angeregt, gährt sie jetzt in allen Cultur-
staaten, und mag somit wohl als eine internationale bezeichnet werden. Sie ist
auch eine eminent soeiäle, insofern als es sich bei ihr um Verschönerung unserer
Umgebung, um Idealisirung unseres Lebens handelt.
Die nationale Frage in der Kunstindustrie, eine Frage von noch sehr jungem
Datum, bezieht sich auf das, was sich in verschiedenen Ländern von alter eigen-
thümlicher Kunsttradition in häuslicher oder gewerblicher Arbeit erhalten hat.
Diese Traditionen sind von unserer raschen, nivellirenden Zeit wie alles Costüm-
liche von schnellem Untergange bedroht, und es ist die Aufgabe, dieselben zu
retten oder für die moderne Kunstindustrie zu verwerthen.
Zum dritten die orientalische Frage. Die farbige, decorative Kunst des Orients
ist seit den Weltausstellungen aus ihrer isolirten Ruhe herausgetreten, sie ist eine
Grösse für Europa geworden, dringt in seine Industrie gewaltig ein und droht
seinen Geschmack auf gewissen Gebieten vollftändig umzuwandeln.
An diesen drei Fragen nimmt die Kunstindustrie sämmtlicher Länder und der
Culturstaaten insbesondere Theil, und je durch die Stellung, die sie dazu nehmen,
ist auch ihre kunstindustrielle Physiognomie bedingt. »Sie sind demnach auch sür
unseren Bericht von ganz besonderer Wichtigkeit, da wir es weniger auf die Dar-
legung des heutigen Zustandes in den einzelnen Industriezweigen, als auf den
eigenthümlichen und charakteristischen Antheil der Länder und Staaten an dem
kunstindustriellen Schasfen der Gegenwart abgesehen haben.
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