Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

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JÜRGEN DENDORFER

Zur Einleitung

Sich am Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem Lehnswesen zu beschäftigen,
scheint der Rechtfertigung zu bedürfen. Dies gilt vor allem, wenn unter dem
Lehnswesen nicht nur eine wirkmächtige Ordnungsvorstellung des späten
Mittelalters, sondern ein verfassungsgeschichtlich relevantes Phänomen des
Früh- und Hochmittelalters verstanden wird1. Das Lehnswesen teilt das Schicksal
zahlreicher anderer Schlüsselbegriffe einer älteren, rechtsgeschichtlich geprägten
Verfassungsgeschichte. Nach einer ersten Phase der Konzeptualisierung im
19. Jahrhundert folgten in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts dif-
ferenzierende Beiträge durch die »Neue« Verfassungsgeschichte der Zwischen-
kriegszeit. Sie wurden vor allem nach dem zweiten Weltkrieg durch einen
landesgeschichtlichen Zugriff auf eine erweiterte empirische Basis gestellt. Doch
auch diese, auf regionale Fallstudien gestützte Verfassungsgeschichte - ein
Markenzeichen der mediävistischen Forschung in der alten Bundesrepublik - ist
in den letzten Jahrzehnten stark zurückgetreten2. Warum also aufs Neue ein Band
zum Lehnswesen? Ist dazu denn nicht seit Jahrzehnten das Wesentliche gesagt,
und selbst wenn es noch an Details mangelt, sind nicht andere Ansätze besser
geeignet, das Ordnungs- und Beziehungsgefüge, wenn man so will: die
Verfassung des Reiches im Früh- und Hochmittelalter zu erhellen?
In der Tat, die Aufbrüche der Mittelai terf or schung durch kul tur wissen-
schaftliche Ansätze erneuerten etwa unsere Sichtweise des Mit- und Gegen-

1 Die beste Übersicht zum Forschungsstand, mit einem Schwerpunkt auf dem späten Mittelalter:
Karl-Heinz Spiess, Das Lehnswesen in Deutschland im hohen und späten Mittelalter
(Historisches Seminar N.F. 13), Idstein 2002 (22009).
2 Am deutlichsten greifbar ist sie in den Forschungen des Konstanzer Arbeitskreises für
Mittelalterliche Geschichte. Vgl. zu den Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises Stefan Wein-
furter, Standorte der Mediävistik. Der Konstanzer Arbeitskreis im Spiegel seiner Tagungen, in:
Die Deutschsprachige Mediävistik im 20. Jahrhundert, hg. von Peter Moraw/Rudolf Schieffer
(Vorträge und Forschungen 62), Stuttgart 2005, S. 9-38; Bernd Schneidmüller, Von der deut-
schen Verfassungsgeschichte zur Geschichte politischer Ordnungen und Identitäten im europä-
ischen Mittelalter, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53, 2005, S. 485-500. Zur Entwick-
lung der Landesgeschichtsforschung im 20. Jahrhundert vgl. den magistralen Überblick von
Matthias Werner, Zwischen politischer Begrenzung und methodischer Offenheit. Wege und
Stationen deutscher Landesgeschichtsforschung im 20. Jahrhundert, in: Deutschsprachige
Mediävistik (wie oben), S. 251-364, zu den Aufbrüchen der verfassungsgeschichtlichen
Forschung in den 1930er Jahren und zu ihrer engen Verbindung mit der Landesgeschichte bes.
S. 300-303.
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