Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

Page: 41
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf34/0042
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Werner Hechberger

Das Lehnswesen als Deutungselement der
Verfassungsgeschichte von der Aufklärung
bis zur Gegenwart

Das Lehnswesen ist ein Thema, das zum Grundbestand jeder universitären
Einfuhrungsveranstaltung zur mittelalterlichen Geschichte gehört und in jedem
Werk, das einen Einblick in diesen Zeitraum geben soll, zentrale Beachtung
genießt1. Wer sich mit dem mittelalterlichen Lehns wesen befasste, konnte bis in
die jüngste Zeit auf Vorgänger verweisen, die ein Fundament gelegt hatten, auf
dem man aufbauen konnte, ein System aus weithin akzeptierten Begriffen,
Definitionen und Hypothesen2. Wenn ein solches Fundament brüchig zu werden
droht, ergeben sich weitreichende Konsequenzen, die es auch ratsam erscheinen
lassen, sich mit der Geschichte seines Baus zu befassen. Die Feststellung, dass die
Untersuchung dieses Themas im Lauf der Jahrzehnte durch zeitgebundene
Faktoren beeinflusst wurde, wird keinen Historiker überraschen; ihre konkreten
Folgen sind allerdings eher selten thematisiert worden3.
Das mittelalterliche Lehnswesen war bereits ein zentrales Thema deutscher
Historiker, als die moderne Geschichtswissenschaft noch ganz in ihren Anfängen
stand. Autoren wie Justus Möser oder Karl Friedrich Eichhorn hatten am Beginn
des 19. Jahrhunderts das Alte Reich noch selbst vor Augen gehabt, als sie sich mit
dessen Verfassung auseinandersetzten4. Dies geschah in politischer Absicht, und
die Autoren sparten mit wertenden Bemerkungen nicht. Man wird zunächst

1 Die Vortragsfassung wurde weitgehend beibehalten, die Nachweise in den Anmerkungen
wurden auf das Nötigste beschränkt.
2 Vgl. V. a. François Louis Ganshof, Was ist das Lehnswesen?, Darmstadt 61983; Heinrich
Mitteis, Lehnrecht und Staatsgewalt. Untersuchungen zur mittelalterlichen Verfassungs-
geschichte, Weimar 1933; als Überblick vgl. Karl-Heinz Spiess, Das Lehnswesen in Deutschland
im hohen und späten Mittelalter (Historisches Seminar, N.F. 13), Idstein 2002.
3 Vgl. V. a. Otto Gerhard Oexle, Feudalismus, Verfassung und Politik im deutschen Kaiserreich,
1868-1920, in: Die Gegenwart des Feualismus/Présence du féodalisme et présent de la féo-
dalité/The Presence of Feudalism, hg. von Natalie Fryde/Pierre Monnet/Otto Gerhard
Oexle (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 173), Göttingen 2002,
S. 211-246.
4 Justus Möser, Osnabrückische Geschichte, Osnabrück 1768-1780 (Ndr. in: Sämtliche Werke,
Bd. 12/1, 12/2, 13, Hamburg 1964-1971); Karl Friedrich Eichhorn, Deutsche Staats- und
Rechtsgeschichte, Bd. 1, Göttingen 51843; Bd. 2, Göttingen 21819.
loading ...