Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

Page: 125
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Jan-Dirk Müller

Die Ordnung des riche in epischer deutscher
Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts

Literarische Texte als historische Quellen zu lesen bleibt immer problema-
tisch. Nicht nur beanspruchen sie nicht, auf eine irgendwie geartete »Wirk-
lichkeit« zu referieren, sie lassen sich auch nicht unmittelbar als eine mentale
Verarbeitung dieser Wirklichkeit verstehen. Literarische Texte sind bewusste
Selektionen und Kombinationen1 von Elementen der außerliterarischen Welt,
fiktionale Entwürfe, die das gesellschaftlich Imaginäre2 transformieren, indem
sie ihm Gestalt geben. Aus literarischen Texten kann man daher nicht unmit-
telbar ablesen, was man im 12. und 13. Jahrhundert über Lehnswesen, Vasalli-
tät oder das Verhältnis von Herr und Mann dachte, sondern allenfalls, wie die
mit diesen Termini verbundenen Relationen Gegenstand einer möglichen -
nämlich einer literarischen - Welt wurden, was ausgeblendet, was ausgebaut
oder was besonders hervorgehoben wurde. Auch dies ist nicht einfach im
Überblick zu klären, denn die Lösungen sind verschiedenartig.
Betrachtet man Erzählungen des 12. und 13. Jahrhunderts auf die Frage
hin, was sie zum imaginären Bild des Lehnswesens beitragen, so ist das Er-
gebnis nicht allzu üppig. Das mag zu einem Teil daran liegen, dass man das,
was selbstverständlich ist, nicht ausdrücklich thematisieren muss, mögli-
cherweise aber auch, dass die soziale Struktur, um deren Erkenntnis sich die
Vasallitätstheorie bemüht, damals ihre beste Zeit schon hinter sich hatte. Be-
kanntlich hört für Historiker das »richtige« Mittelalter dort auf, wo es für Ger-
manisten gerade anfängt. Allerdings darf man vermuten, dass bei der mittel-
alterlichen Vorliebe für die laudatio temporis acti auch in der Stauferzeit noch
Interesse an einer als vorbildlich geltenden Gesellschaftsordnung bestand, die
man in der Vergangenheit vermutete und die man in den alten epischen Ü-
berlieferungen bewahrt sah. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich
vier Fälle vorstellen, von denen ich selbst überrascht war, da sie meinen Er-
wartungen nicht entsprachen. Schlüsse daraus sollen den Historikern über-
lassen bleiben.

1 WOLFGANG Iser, Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven einer literarischen Anthropo-
logie, Frankfurt/Main 1991; Ders., Wolfgang Iser, Akte des Fingierens. Oder: Was ist das
Fiktive in hktionalen Texten?, in: Funktionen des Fiktiven, hg. von DIETER Henricfe/Wolf-
GANG Iser (Poetik und Hermeneutik 10), München 1983, S. 121-151.
2 JAN-DIRK MÜLLER, Höfische Kompromisse. Acht Kapitel zur höfischen Epik, Tübingen 2007,
bes. S. 9-17.
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