Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

Page: 329
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Roman Deutinger

Kaiser und Papst: Friedrich I. und Hadrian IV.

Ein beträchtlicher Teil des 12. Jahrhunderts war ausgefüllt mit Auseinander-
setzungen zwischen Kaisern und Päpsten: zuerst 22 Jahre lang im Investiturstreit,
dann acht Jahre lang im anakletianischen Schisma und schließlich noch 18 Jahre
lang im alexandrinischen Schisma. Im Vergleich dazu erscheinen die vier Jahre
zwischen 1155 und 1159, in denen Friedrich I. als Kaiser und Hadrian IV. als
Papst gleichzeitig amtierten, ausgesprochen friedlich. Dennoch kam es in diesen
vier Jahren zu mehreren Konflikten zwischen Friedrich und Hadrian, die zwar
weitaus weniger dramatisch und durchweg unblutig abliefen und außerdem
jeweils rasch wieder beigelegt wurden; sie verdienen aber besonderes Interesse,
weil es in ihnen nicht bloß um Personalfragen und Kompetenzstreitigkeiten ging,
sondern um grundsätzliche Fragen im Verhältnis zwischen Kaisertum und
Papsttum. Hier sind vor allem drei Konfliktfälle zu nennen: die Begegnung
zwischen Friedrich und Hadrian bei Sutri im Juni 1155 (I), der Streit um die
Fresken im Lateranpalast, ebenfalls noch im Sommer 1155 (II), sowie der
Reichstag von Besançon im Oktober 1157 mit seinem diplomatischen Nachspiel,
das bis zum Sommer 1158 währte (III). Alle drei Ereignisse sind der historischen
Forschung wohlbekannt und werden seit Jahrzehnten eifrig diskutiert; allen
dreien ist gemeinsam, dass bei ihrer Interpretation Fragen des Lehnswesens eine
herausragende Rolle spielen. Der folgende Beitrag will nun keine umfassende
Darstellung und Deutung der Konflikte zwischen Friedrich I. und Hadrian IV.
bieten, sondern lediglich mit einer beschränkteren Zielsetzung zum einen der
Frage nachgehen, inwieweit Erklärungsmodelle im Rahmen des Lehnswesens
tatsächlich zum Verständnis der damaligen Vorgänge beitragen, zum andern
aber auch der Frage, was uns diese Konflikte über den Entwicklungsstand des
Lehnswesens in der Mitte des 12. Jahrhunderts sagen können.

I

Zehn Tage vor der geplanten Kaiserkrönung im Juni 1155 sind sich Hadrian IV.
und Friedrich I. zum erstenmal persönlich begegnet, im königlichen Zeltlager
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