Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

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JÜRGEN DENDORFER

Das Wormser Konkordat - ein Schritt auf dem
Weg zur Feudalisierung der Reichsverfassung?
Als Friedrich Barbarossa im Jahr 1154 zur Kaiserkrönung nach Rom zog, schlug
er sein Lager bei Roncaglia auf: »Es ist nämlich eine consuetudo der Könige der
Franken, die auch Könige der Deutschen heißen, auf diesen Feldern Aufenthalt
zu nehmen, wenn sie zum Empfang der Krone des römischen Reiches ein Heer
aufgebracht haben«, so weiß Otto von Freising in seinen Gesta Friderici\ Er fährt
fort mit der Schilderung eines bemerkenswerten Rituals, das immer an diesem
Ort stattfinde. Hier werde an einen Pfahl ein Schild gehängt und ein Herold
fordere Ritter, die Lehen (feoda) innehaben, auf, in der nächsten Nacht beim König
Wache zu halten. Wer nun bei dieser Nachtwache fehle und auch nach
wiederholter Ladung am nächsten Tag nicht erscheine, dem werden seine Lehen
abgesprochen. Und dies gelte, wie Otto von Freising berichtet, nicht nur für die
Lehen der Laienfürsten (laicorum froda), sondern auch für die Regalien, die der
König den Bischöfen verliehen hat1 2.
Eindeutig, ohne großen Interpretationsspielraum zuzulassen, belegt diese
Stelle lehnrechtliche Vorstellungen von den Bindungen weltlicher und geistlicher
Fürsten an den König. Die Terminologie könnte klarer nicht sein: Lehen werden
als feoda bezeichnet; sie verpflichten zur Heerfahrt; wird dieser Pflicht nicht
nachgekommen, können sie entzogen werden. Seit jeher hat dieser Abschnitt im
zweiten Buch der Gesta Friderici Beachtung in der Forschung zum Lehnswesen
des 12. Jahrhunderts gefunden. Von Julius Ficker über Heinrich Mitteis bis hin zu
Forschern im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts galt und gilt er als Beleg für die

1 Ottonis et Rahewini Gesta Friderici I. Imperatoris c. II, 12, ed. Georg Waitz/Bernhard von
Simson (MGH SS rer. Germ. 46), Hannover/Leipzig 1912, S. 113: Inde castra movens, in campo
Roncaliae super Padum, non longe a Placentia, mense Novembrio resedit. Est autem consuetudinis regum
Francorum, qui et Teutonicorum, ut quotienscumque ad sumendam Romani imperii coronam militem ad
transalpizandum coegerint, in predicto campo mansionem faciant. Vgl. Otto von Freising, Gesta
Frederici seu rectius Cronica, ed. Franz-Josef Schmale (Ausgewählte Quellen zur deutschen
Geschichte des Mittelalters 17), Darmstadt 1965, S. 304/305 mit Übersetzung. Zum Ereignis vgl.
Ferdinand Opll, Die Regesten des Kaiserreiches unter Friedrich 1.1152 (1122)-1190, Lieferung 1
(Regesta Imperii IV, 2/1), Wien/Köln/Graz 1980, Nr. 253.
2 Otto von Freising, Gesta Friderici (wie Anm. 1), c. II, 12 S. 114: Hunc morem principe secuto, non
solum laicorum feoda, sed et quorumdam episcoporum, id est Hartwici Bremensis et Ulrici Halber-
stadensis, regalia personis tantum, quia nec personis, sed aecclesiis perpetualiter a principibus tradita sunt,
ab iudicatafuere.
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