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den Nicht-Katholiken Flegel waren die Niederlande damals ein heißer Boden, besonders
Antwerpen. Im Zusammenhang mit unseren Vermutungen zur Lebensgeschichte Georg
Flegels werden wir auf dieses Problem seiner Anfänge noch eingehen.

Der vorstehende kritische Uberblick über die Forschungen Bergströms erschien uns
aus verschiedenen Gründen notwendig: einmal sollte der bleibende hohe Wert dieser
Untersuchungen Bergströms herausgestellt werden als erster Uberblick über die national-
niederländische Kunst des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Diese le'benskräftige Gegen-
bewegung zum internationalen Spätmanierismus war in den bisherigen Darstellungen
dieses Zeitraumes nicht so deutlich herausgestellt worden. Zum anderen sammelt Berg-
ströms themengeschichtliche Darstellung unsere Betrachtung — durchaus in Ubereinstim-
mung mit der geschichtlichen Entwicklung — auf Gestalt und Werk Georg Flegels, und
läßt ferner deutlich werden, wie unklar noch heute das Bild der Zeit erscheint, in die
Flegel als junger Künstler eintrat.

Deshalb soll anschließend das geschichtliche Bild der letzten Jahrzehnte des 16. Jahr-
hunderts in wenigen Strichen gezeichnet werden, wobei nicht nur Werke der Malerei zur
Verdeutlichung der Geschichtslage und zur Begriffsbildung herangezogen werden sollen.
Wir halten es für nützlich, im Hinblick auf den aus Olmütz gebürtigen Georg Flegel
die beiden Kunstkreise zu betrachten, die sich zu Ausgang des 16. Jahrhunderts in Süd-
deutschland bildeten; vielleicht läßt sich damit die künstlerische Zeitlage nadt Herkunft
und Tendenz umschreiben, in die Georg Flegel eintrat, als er sein 20. Lebensjahr über-
schritten hatte und — wie wir vermuten — seine Wanderschaft begann, die zu Beginn
der 1590er Jahre mit seiner Niederlassung in Frankfurt endete.

VI.

Künstlerische Kräfte um die Wende des 16. Jahrhunderts.

Nach dem geschichtlichen Sinn des deutschen Kunstschaffens während des ausgehen-
den 16. Jahrhunderts zu fragen, heißt letztlich, eine Würdigung des 16. Jahrhunderts
im ganzen zu versuchen. Dieses erste Jahrhundert der Neuzeit wäre demnach zu charak-
terisieren als der zeitliche Rahmen für den Versuch des Menschen, seine Stellung im
geistig gerade erst erfaßten Weltganzen festzulegen; eine persönlich gegründete Form
der Religiosität und eine Bewußtmachung des antiken Erbes, dazu ein wissenschaftliches
Objektivitätsstreben und eine neue Fassung des Staatsbegriffes und der Herrschermacht
sind die Grundlagen dieses Versuches. Seine Durchführung, die Lösung der somit an-
gerührten existenziellen Fragen, ist das Grundthema der deutsdhen Geschichte seit der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Geistesbewegungen dieses Zeitraumes sind ein-
gestellt in den Widerstreit der konfessionell gebundenen Kräfte des Katholizismus und
Protestantismus. Ihre Auseinandersetzung wird offenkundig, als dogmatische Zwistig-
keiten und politische Auseinandersetzungen im protestantischen Lager die katholischen
Kräfte zu einem Gegenstoß aufrufen, der durch Ausgang und Wirkung des Tridentinums
einen bedeutenden Kräftezuwachs erhielt. Der Festigung der katholischen Kirche im
Dogmatischen und der ihr ergebenen Länder im Bereich des Machtpolitischen hat der
protestantische Norden und Nordwesten Deutschlands eigentlich nichts anderes ent-
gegenzusetzen, als die Bildung „wirklicher Kulturstaaten, wenn auch kleinsten Forma-

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