Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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»SIGNUM TRICIPUT«

EIN HELLENISTISCHES KULTSYMBOL IN DER KUNST
DER RENAISSANCE

Im Jahre 1924 hat Detlev v. Hadeln ein ausgezeichnetes und
ikonographisch merkwürdiges Gemälde veröffentlicht1), das er als
eigenhändiges Werk des Tizian in Anspruch nimmt und das in
unserer Abbildung 1 noch einmal wiedergegeben sei. Das Bild — das
nur der späteren Periode des Meisters angehören kann — stellt in der Art
der Trinitäts- und Antitrinitäts-Darstellungen, wie sie der mittelalter-
lichen Kunst geläufig gewesen waren2), ,,a kind of triple Janushead“
dar, bestehend aus dem genau von vorn gesehenen Kopf eines bärtigen

1) Burlington Magazine 1924, S. 179, PI. IIB. Es sei noch einmal ausgesprochen,
daß Herr Campbell Dodgson es war, der uns zuerst auf das Tizianische Bild und seine
Verwandtschaft mit dem in Abbildung 21 wiedergegebenen Holbeinschnitt hinwies.

2) Der Gedanke der Dreieinigkeit des Teufels begegnet schon bei Origenes (Comm.
in Epist. ad Romanos, V, 562). Innerhalb der bildlichen Darstellungen sowohl der Trinität
als der „Trinite satanique“ ist ein älterer und ein jüngerer Typus zu unterscheiden: der
ältere faßt im Anschluß an gallo-römische Darstellungen die drei Gesichter zu einem
einzigen Gebilde mit drei Nasen, zwei (oder vier) Augen und drei Mundöffnungen zusam-
men (wie der Saturn unserer Abb. 3), der jüngere gibt drei vollständige Köpfe, die aus
einem Rumpfe hervorwachsen. Vgl. hierzu J. Schlosser, Heidnische Elemente in der
christlichen Kunst des Altertums, Beilage zur Münchner Allgemeinen Zeitung 1894,
Nr. 248, 249, 251, Wiederabdruck in ,,Präludien“, 1927, S. 2gff., ferner W. Molsdorf,
Christi. Symbolik d. Mittelalters, 1926, Nr. 849, sowie E. F. Bange, Eine bayrische
Malerschule d. XI. und XII. Jahrh. 1923, S. 16.

Studien der Bibliothek Warburg 18. Heft: Panofsky I
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