Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Exkurs II. Zur Deutung von Dürers ,,Ercules“-Holzschnitt

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Exkurs II.

ZUR DEUTUNG VON DÜRERS ,,ERCULES“-HOLZSCHNnT

Der einige Jahre vor dem Kupferstich B. 73 entstandene Holzschnitt
B. 127 (Abb. 112) ist von Hans Klaiber auf den Kampf des Hercules mit
Eurytus, dem König von Oechalia, gedeutet worden1): Hercules hat den
Eurytus im Bogenwettkampf besiegt, um dessen Tochter Iole als Kampf-
preis zu erhalten; da sie ihm widerrechtlich verweigert wird, tötet er
Eurytus und dessen Söhne, zerstört die Stadt und bemächtigt sich der
Jungfrau mit Gewalt.

Gegen diese Deutung ist allerlei einzuwenden. Daß Hercules mit
Pfeil und Bogen ausgerüstet ist, braucht keine Anspielung auf das voran-
gegangene Wettschießen mit Eurytus zu sein, da diese Art der Bewaff-
nung einer verbreiteten mittelalterlichen Tradition entspricht2); daß der
bäuchlings am Boden liegende Gegner einer der Söhne des Eurytus sei,
paßt nicht sehr gut zu seinem vorgerückten Alter; und wenn das fliehende
Mädchen Iole wäre, wäre nicht einzusehen, aus welchem Grunde sie von
einem furienhaften Wesen verfolgt wird. Ein solches Wesen übt entweder
■— als ,,Lyssa“ oder „Erinys“ — grausame Vergeltung für Götterfrevel
oder Verwandtenmord, oder aber es treibt — als ,,Eris“ oder „Invidia“ —
die Menschen zu einer aus Wut oder Eifersucht geborenen Wahnsinnstat
(wie es z. B. in dem Mantegnastich B. 17 der Fall ist, dessen ,,Invidia“
der Dürerischen Furie wahrscheinlich zum Vorbild gedient hat3)). Beides
trifft auf die arme Iole, die an dem Tod des Vaters und der Brüder ganz
unschuldig ist, und die von Haß und Eifersucht nichts weiß, in keiner
Weise zu; und es ist allzu modern gedacht, wenn man in der Furie die
bloße „Stimmung“ personifiziert sieht, von der die Jungfrau angesichts
des Familienunglücks gequält wird.

Wer die Deutung auf die Bestrafung des Eurytus unbedingt
aufrecht erhalten will, könnte das verfolgte Wesen höchstens als die
von der „Invidia“ (d. h. von der Eifersucht auf Iole) gepeinigte Deia-
nira erklären. Dem widerspricht jedoch, von den soeben berührten
Gegengründen abgesehen, zum einen die Tatsache, daß Deianira bei den
Ereignissen in Oechalia gar nicht gegenwärtig war, zum andern aber der
Umstand, daß das in B. 127 dargestellte Abenteuer nicht an das Ende,
sondern an den Anfang der von Hercules durchmessenen Heldenlaufbahn

1) Rep. f. Kunstwiss. XXXIV, 1911, S. 478 ff.

2) Vgl. etwa den Hercules der Kopenhagener Ovide-moralise-Handschrift, fol. 25 r,
sowie unsere Textabb. 2.

3) W. Weisbach, Der junge Dürer, 1906, S. 50.
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