Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

Übereinstimmung nicht näher begründet zu werden), um die gefestigte Tu-
gend eines holländischen Ehepaares zu verherrlichen1) (Abb. 64). Nicht nur,
daß Hercules—noch immer mit geschulterter Keule, aber nicht mehr nackt
sondern in barocker Römerrüstung einherschreitend, und mit unnachahm-
lich stolzer Gebärde die ,,Voluptas“ zurückweisend — die knebelbärtigen
Züge eines Amsterdamer Bürgers trägt: diesmal ist auch die „Virtus“ ein
Porträt, unzweifelhaft die Gattin dieses Pseudo-Hercules, wie denn auch
beide von dem kleinen Potter-Engel ihren Kranz erhalten; und wenn
der Sinn des Ganzen dem nicht etwas wiederspräche, würde man in der
auffallend klein und kindlich dargestellten „Voluptas“ am liebsten das
Töchterchen des Paares erblicken, womit die Szene sich vollends in ein
Familienporträt verwandeln würde. Alles Dämonische ist jedenfalls sehr
gründlich ausgetrieben (der trommelnde Tod z. B. ist wieder zum ge-
wöhnlichen Musiker geworden), und das im übrigen genau nach dem
Potterschen Vorbild zusammengesetzte Wollust-Stilleben ist nicht nur
um einen Kupferstich der nackten „Abundantia“ bereichert worden,
auf den die Linke der „Voluptas“ vielsagend hinweist, sondern auch um
einen Turban, ein orientalisches Krummschwert und einen j apa-
nischen Sonnenschirm — drei wohlbekannte Prachtstücke aus dem
Kostüm- und Raritätenkabinett des jungen Rembrandt, die sich der
Maler nicht entgehen lassen wollte, wiewohl sie sich in diesem Zusam-
menhang recht sonderbar ausnehmen.

VII.

Es ist nicht selten, daß ein Bildthema, an dessen Bewältigung
schon Generationen von Künstlern gearbeitet hatten, zu einem ganz
bestimmten Zeitpunkt eine Gestaltung erfährt, die zu „kanonischer“
Geltung gelangt, — kanonisch in dem Sinne, daß sie die überwiegende
Mehrzahl der Späteren, Große und Kleine, zu einer wie immer ge-
arteten Auseinandersetzung zwingt: nach Lionardo konnte kaum mehr
ein Abendmahl, nach Dürer kaum mehr eine Apokalypse dargestellt
werden, ohne daß man in irgendeiner Weise, und sei es auch nur
durch die Beziehung der Opposition, an jene großen Vorbilder ange-
knüpft hätte.

Das Werk, in dem die Prodikeische Herculesfabel ihre in diesem Sinn
„kanonische“ Gestaltung empfing, war die römische Erstlingsarbeit An-
nibale Carraccis: das wohl schon 1595 begonnene Deckenbild des

1) Prag, Slg. Nostiz, Nr. 229 (Bredius denkt laut Katalognotiz auch an G. W. Horst).
Erwähnt ist das Bild in dem lehrreichen Aufsatz von W. Martin, Monatsh. f. Kunstw. I,
1908, S. 744. Dem Grafen Nostiz sei für die Erlaubnis zur Herstellung einer Neuauf-
nahme verbindlichst gedankt.
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