Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Rubens’ ,,Herculesbogen“. Pieter Potter. Jan Victors

der Narrenschiffsillustration zu der Erfindung Crispin van den Broecks
geführt hatte, — das Emblematisch-Bildersprachliche ins Visionäre
steigernd, und die ein wenig dürre Moraltendenz im Sinne einer fast mittel-
alterlichen Empfindung vertiefend (Abb. 63). Schon die Benennungen
sind mittelalterlich: „Voluptas“ heißt die „Werelt“, „Virtus“ die „Waer-
heyt“1), womit es übereinstimmt, daß jene, vom Teufel in persona in-
spiriert, außer sehr vielen anderen Symbolen irdischer Freuden auch eine
Weltkugel ihr eigen nennt und auf den selbstverständlich kunstreich
geflochtenen Haaren einen Reichsapfel trägt, während diese, barfüßig
und von einem palmentragenden Engel gekrönt, durch eine Sonne und
das Bibelbuch gekennzeichnet ist.2) Noch deutlicher aber ist die land-
schaftlich sehr wirkungsvolle Schilderung der „beiden Wege“: hinter der
Wollust trommelt der Tod zum Tanz, und vor der brennenden Höllen-
stadt werden allerlei Orgien, Unzucht und Totschlag begangen — den
mit Dornenzweigen verlegten Tugendweg aber, der nicht aus Zufall durch
eine „schmale Pforte“ führt3) und sich in langen Serpentinen zu wahrhaft
beängstigender Höhe emporwindet, erklimmen mühselige Scharen ärm-
lich gekleideter Menschen, jeder ein Kreuz auf dem Rücken. Die „Via
Vitae“ ist nicht Via Famae, sondern Via Crucis.

Ein sonderbares Geschick hat es gefügt, daß gerade diese Komposi-
tion, die innerhalb ihrer Grenzen nicht ohne Größe ist, das Vorbild für
eine Darstellung abgeben sollte, die fast wie eine Persiflage des ganzen
Prodikeischen Bilderkreises anmutet: ein mittelmäßiger Rembrandt-Epi-
gone, wahrscheinlich JanVictors, hat sich das Pottersche Gemälde zum
Muster genommen (die Beziehung braucht angesichts der offenkundigen

1) „De Werelt sit gepronckt, verciert en opgeblasen
Vol duyvels Listigheyt en wyst de mensche aen,

Haer weelden, ryckdom, pracht bedriegelycke äsen,

Waer door de dwase mensch wort in haer strick gevaen.

Maer die de waerheyt mint, wort von haer onderwesen,

Hoe dat men mag ontgaen des werelts list en loon,

Hoe dat men niet behoeft der hellen kaeck te vresen
En eyndelyck ontfanght des Hemels vreughte kroon.

Die weg-gelyt is die, die hier op aerden stryden

En met de rustingh Gods haer vyant tegen staen,

En dragen Christi Cruys waer in sy haer verblyden
En soo naer cort verdriet by’t Lam ten Hemel gaen.“

2) Das Bibelbuch kennen wir schon aus Abb. 46, die Sonne bedarf als allbekanntes
Wahrheitssymbol kaum der Erklärung. Immerhin sei darauf hingewiesen, daß unter Ripas
vielen Tugendtypen auch ein besonders religiös erfundener vorkommt, der ganz genau dem
Potterschen entspricht: die auf der Brust getragene Sonne bedeutet „che come dal cielo
illumina esso la terra, cosi dal cuore la virtü difende le sue potenze regolari a dar il moto
e il vigore a tutto il corpo nostro ..."

3) Vgl. oben S. 44.
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