Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

Diese von Lukian so geistvoll verspotteten Kreise haben das ethische
Plus tatsächlich nur in der Form eines ästhetischen Minus zu denken
vermocht und in der oft absichtlich herbeigeführten Verwahrlosung des
Äußeren nicht nur die notwendige Begleiterscheinung, sondern geradezu
die Gewähr einer inneren Vollkommenheit gesehen; und hier scheint denn
auch die Prodikeische „Tugend“ in dem Sinne umgestaltet worden zu
sein, daß nicht das «puaixov xaXXo? einem £7td<raxTov xaXXo<; gegenübertrat,
sondern daß, in sehr viel handgreiflicherem Gegensatz, die häßliche Hülle
der inneren Schönheit mit der schönen Hülle der inneren Häßlichkeit
kontrastiert wurde.1) Wobei es schwerlich bloßer Zufall ist, wenn eben die
Schriftsteller, die die 'Aper/) in diesem Sinne verhäßlichen, der ‘HSovyj
gegenüber jegliche Schonung verlieren und sie mit dem unzweideutigen
Ausdruck Kaxla belegen: mit der Häßlichkeit der Tugend steigert sich
erfahrungsgemäß ihre Intransigenz.

Natürlich bleibt es richtig, daß die Prodikosfabel in dieser „kyni-
schen“ Umgestaltung den Tendenzen des frühen Christentums im all-
gemeinen besser entsprechen mußte, als in ihrer ursprünglichen Form;
und sicher hat ein Mann wie Basilius den moralischen Wert der Er-
zählung durch eine entsprechende Korrektur des Xenophontextes erheb-
lich zu steigern geglaubt. Nur darf man nicht vergessen, daß die aske-
tische Richtung dem Heidentume nicht fremd und im Christentum nicht
alleinherrschend war: das Christentum hat sie nicht hervorgebracht, son-
dern nur aufgenommen; und wenn es, wie wir sahen, Heiden gab, die die
Tugend ganz „christlich“ geschildert haben, so gibt es auf der andern
Seite Christen, die sie, wenn man so will, ganz „griechisch“ sehen, z. B.
Clemens Alexandrinus, dessen weißgekleidete Aper/) zwar schmuck-
los und schlicht, aber keineswegs asketisch-abgemagert und kynisch-
verwildert erscheint, vielmehr — der guten alten Überlieferung ent-
sprechend — die Einfachheit mit makelloser Reinheit verbindet.2)

III

Kehren wir nach diesem Rückblick auf die Antike zu Sebastian
Brant zurück! Die deutsche Urfassung des Narrenschiffs vermittelt dem
Leser die Erzählung von der Wahl des Hercules nur durch das Wort: in
einer Schilderung, die rein beispielhaft dem 107. Kapitel („Von Lon der
Wisheit“, v. 17ff.) eingewoben ist. Diese Schilderung entspricht so sehr

1) Umgekehrt läßt sich von hier aus ersehen, wie wenig „kynisch“ die Prodikos-
fabel in ihrer Urfassung ist (so auch Alpers, S. 25ff.).

2) Clemens Alexandrinus, Paedagog. II, io, iio (Alpers, S. 52): trjv psv aüraiv
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