Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Die kynisch-asketische Auffassung: die ,,häßliche“ Tugend

Kaiserzeit.1) „Einer Abgearbeiteten ähnlich, harten Blickes, den
Schmutz sich zur Zierde nehmend, unbeschuht und reizlos gekleidet“ er-
scheint sie bei Philostrat dem Älteren2); und der Kirchenvater
Basilius, der sich in allem übrigen so eng an Xenophon anschließt, daß
seine Schilderung nur aus einem in dieser Spätzeit sehr auffälligen Rekurs
auf die Quelle erklärt werden kann3), weicht gerade darin von der Er-
fassung ab, daß er die „Tugend“ als „mager, schmutzig und strenge
blickend“ beschreibt.4)

Man sieht, es sind nicht nur die beiden christlichen Autoren, die diese
Umkehrung der Werte vorgenommen haben5), denn der griechische Rhe-
tor und Philostrat schildern die Tugend womöglich noch weniger an-
ziehend als Justin und Basilius. Und Philostrats Beschreibung weist uns
zugleich die Richtung, in der wir den wahren Ursprung des Erscheinungs-
wandels zu suchen haben: der Redner, dem er die Elerculesfabel in den
Mund legt, ist der Gymnosophist Thespesion, der — die „Tugend“
mit seiner eigenen, das „Laster“ dagegen mit der indischen Philosophie
vergleichend — den großen Apollonius von Tyana zu seiner Anschauung be-
kehren möchte; und wenn Thespesion die Tugend vollends unbeschuht
auf treten läßt, und hinzufügt, „sie würde nackt einhergehen, wenn sie
nicht wüßte, was dem weiblichen Geschlecht geziemt“, so weist das
ziemlich deutlich auf einen Umkreis, der sich mit dem des Christentums
zwar schneidet, aber nicht mit ihm zusammenfällt: auf den Umkreis
jener asketischen Weltanschauungs- oder Glaubensgemeinschaften, die
die Kaiserzeit in Menge entstehen sah, und deren Anschauungen in der
„zweiten Kynik“ ihren bezeichnendsten Ausdruck gefunden haben.

1) Rhet. Graec. V, S. 606 (Alpers, S. 38): Kal tmv yuvoaxwv tt\q (bpalaq xal dvÖT]-
pac, TTjq 8e purabayq xal aoypt-Yjpac, Typ 'Aps-typ SyXaSy xal Typ Kaxlap. Bisher wird dieser
Passus allerdings gerade umgekehrt dahin gedeutet, daß die „Tugend“ wpalaxal avDypa,
das „Laster" aber pujtcöaa xal aü/pypa sei (so auch Alpers, S. 51, 54). Das ist aber aus
zwei Gründen unmöglich: erstens ist der Ausdruck aü^ptypop bzw. auypop bei allen Schrift-
stellern, die ihn gebrauchen, ein völlig festes Epitheton der häßlich gewordenen
„Tugend“; zweitens aber wäre es widersinnig, eine blühende und reizende 'Apery einem
schmutzigen und verwahrlosten „Laster" gegenüberzustellen. Bei den Autoren nicht-
asketischer Richtung ist zwar das „Laster“ von Natur oft weniger schön als die „Tugend“,
aber es ist dann selbstverständlich erfolgreich bemüht, seine natürlichen Mängel durch
künstliche Mittel unsichtbar zu machen oder sogar in Vorzüge zu verwandeln. Wenn die
Kaxta nicht einmal ein srudcraxTOV xaXXop besäße, wäre die Entscheidung für die „Tugend“
kaum mehr verdienstlich. Das erste Substantiv greift also, was keineswegs ungewöhnlich
ist, auf das zu zweit genannte Adjektivpaar zurück und umgekehrt.

2) Vita Apollonii Tyan. VI, 10 (nicht bei Alpers). Zitat unten S. 109.

3) So auch Alpers, S. 58.

4) Basilius, De Legendis libris gentilium, cap. 4 (Patrologia Graeca, Bd. 31, col.
573; Alpers, S. 44, 52, 58): . . . KaTsaxXyxsvat, xal aüyjzetv xal cruvrovov ßXeTOiv. Vollständiger
Abdruck (in lat. Übersetzung) unten S. 53.

5) So Alpers, S. 52.

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