Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

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heißt).1) Und es darf uns als Bestätigung gelten, wenn Pighius den eben
angeführten Sätzen über die Statuen des „Hercules Prodicius“ unmittel-
bar ein Lob des Silius voranschickt, weil dieser es gewesen sei, der die Pro-
dikosfabel von Hercules auf P. Scipio Africanus übertragen habe: „En
quaeso, quam eleganter poeta Silius Scipionem suum Herculis Prodicii
virtutibus ornat: quod voluptate desidiaque contempta per labores et pericula
virtutem sequi non dubitarit.“2)

Die einzelnen Vorstellungs-Elemente, die wir zur Rekonstruktion
und Interpretation des Raffaelischen Doppelbildes nachträglich Zu-
sammentragen mußten — „Hercules Prodicius“, „Scipio Africanus“ und
„Äpfel der Hesperiden“ — haben also der Renaissance noch als geschlos-
sene Vorstellungs-Reihe vor Augen gestanden.

IX.

Wie selbstverständlich dem Quattrocento die Tugendsymbolik der
„Goldenen Äpfel“ geworden war, geht auch aus einer wohl kurz vor 1500
entstandenen Buchmalerei des Reginaldo Piramo da Monopoli3) her-
vor: die „Virtus“ thront auf einem von Schlangen und Kröten bewohn-
ten Felsen, den Alt und Jung vergeblich zu erklimmen sucht, und in
der Rechten hält sie einen wagerechten Stab, aus dessen Enden Flam-
men herausschlagen, während seine Mitte durch einen goldenenApfel
bezeichnet wird (Abb. 98). Der Sinn der Darstellung ist um so eindeu-
tiger, als sich die Miniatur in einer (griechischen) Handschrift der Ni-
komachischen Ethik befindet: die Flammen sind die Extreme des „Zu-
viel“ und „Zuwenig“, die nach Aristotelischer Lehre das Laster be-
deuten, der Apfel dagegen bezeichnet jene recht eigentlich „goldene“
Mitte, auf der der gleichen Aristotelischen Anschauung zufolge die
Tugend zu finden ist.

Die Kunst einer mit jener Apfelsymbolik noch nicht in gleicher
Weise vertrauten Epoche hat dagegen für diesen Gedanken einen ganz
anderen, mehr personifizierenden als emblematischen Ausdruck gefunden.
Die lateinischen Übersetzungen der aristotelischen Ethiken, die dem
Mittelalter zur Verfügung standen, scheinen im allgemeinen nicht illu-
striert gewesen zu sein. Allein die Manuskripte der französischen Be-
arbeitung, die Nicole Oresme für Karl V. von Frankreich besorgt hat,
sind oft mit reichem Bilderschmuck versehen. Und in diesen „Ari-
stoteles-Oresme-Handschriften“ hat sich ein ganz bestimmter

1) Punica I, v. 431.

2) Pighius, s. 11 ff. Nach „dubitarit“ folgt ein kurzer Satz zum Ruhme des Scipio,
dann schließt sogleich der oben übersetzte Passus „Tantum igitur . . .“ an.

3) H. J. Hermann, Jahrb. A. K. H. XIX, 1898, Taf. VII, Text S. 163«.
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