Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Die Hesperiden-Äpfel als Attribut des ,,Hercules Prodicius"

dikeischen Erzählung in Verbindung bringt; sie sei, und gerade
durch die Hesperidenäpfel werde das erwiesen, eine Statue des „Her-
cules Prodicius“, dergleichen man im Altertum besonders edlen Jüng-
lingen errichtet habe: „So großen Wert haben die Griechen und Rö-
mer auf diese Prodikeische Erzählung gelegt, daß sie häufig den Sta-
tuen und Bildern ungewöhnlich hoffnungsvoller Jünglinge die Gestalt
des Hercules Prodicius gegeben haben .... Ein solcher scheint der wun-
derschöne eherne Hercules auf dem römischen Kapitol zu sein.Mit

dem linken Arm stützt er sich auf seine knotige Keule, und mit der rechten
Hand hält er die drei Äpfel, die er hinter dem Rücken verbirgt und

bewahrt.Atque haec suauia quidem poma sunt: iuris aequitas,

famae integritas atque spes mercedis aeternae quae est beata
immortalitas". Auch eine zweite, an gleichem Ort bewahrte Hercules-
figur aus vergoldeter Bronze und von höchstem Alters- und Kunstwert
bringe den gleichen Gedanken zum Ausdruck: „clauam expedite dextra
tenet ad omnem pugnam paratus, atque leonis exuuio velut paludamen-
tum in bracchium sinistrum collecto ostentat manu tria item poma:
monstrans, se iam Virtutis triplicemunere instructum non detrec-
tare subeundos eius caussa labores“.1)

So läßt sich denn die Vermutung, daß die Bilder der drei Grazien
und des träumenden Scipio — jenes die geschlossene Dreiergruppe einer
antiken Freiplastik verflüssigend und relativ verräumlichend, dieses die
offene Dreiergruppe eines nordischen Holzschnitts in demselben Maße
tektonisierend und zu relativer Flächeneinheit zusammenbindend2) —
ursprünglich ein „Gesamtkunstwerk“ dargestellt hätten, auch von der
inhaltlichen Seite her begründen: die Grazien versprechen dem
Jüngling in Gestalt der goldenen Äpfel den Lohn, der seiner
Entscheidung für die Tugend gebührt (wobei in diesem Fall noch
mitgesprochen haben mag, daß man den Ort des Hesperidengartens in
eben dem Afrika suchte, von dem der männliche Scipio seinen Ehren-
namen empfing, und daß daher die Südküste Spaniens, das zu erobern der
junge Scipio sich anschickte, bei Silius Italicus „litus Hesperidum“

1) Stephanus Vinandus Pighius a. a. O., S. 14ff. Man denkt bei der von Pierio
Valeriano, Ripa und Pighius erwähnten kapitolinischen Herculesfigur, deren Material
auch Ripa ausdrücklich als „metallo indorato“ bezeichnet, natürlich sogleich an die
berühmte Statue des Konservatorenpalastes, die schon seit den Zeiten Sixtus’ IV. an
ihrem heutigen Aufenthaltsorte stand (vgl. Stuart Jones a. a. O., PI. 113, Text S. 282),
nur daß diese kein Löwenfell hat. Andererseits gibt es von ihr eine Replik mit Löwenfell
im Thermenmuseum, so daß eine Verwechselung nicht ausgeschlossen ist.

2) Man braucht nur die Grundrißdisposition der Füße mit der der Cossaschen Gruppe
zu vergleichen, um zu erkennen, daß der spezifisch Raffaelische Raumsinn, der ihn später,
am Manierismus vorbei, unmittelbar aus der Klassik in eine Art von Frühbarock hinein-
führen sollte, bereits in dieser Jugendarbeit wirksam ist.
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