Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Page: 166
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Hercules Prodicius

führt zur Tugend, und die Tugend wird, wie wir das ja auch in unseren
Herculesbildern so häufig veranschaulicht fanden, durch nichts so sehr
belohnt, wie durch den wahren Ruhm.1)

Nicht oft dürften sich die Phasen eines allgemein-historischen Ent-
wicklungsprozesses so klar und vollständig ablesen lassen wie an dieser
Interpretationsgeschichte einer einzigen Dichterstelle. Was sich dadurch
für unseren Zusammenhang aufs neue bestätigt, ist die Tatsache, daß
der Begriff der „Tugend schlechthin“ (bzw. der ihm korrelate Begriff des
„Lasters schlechthin") ein spezifisch unmittelalterlicher ist — daß
sein Emportauchen — oder besser gesagt: seine Wiedergeburt — ein
Teilmoment jenes großen Prozesses bedeutet, den wir noch immer als
„Rinascimento dell' Antichitä" bezeichnen dürfen.

X.

Die Wiedererweckung der Prodikoserzählung bedeutet also — nicht
sowohl im Hinblick auf die Gestalt des Hercules, als vielmehr im Hinblick
auf die beiden Personifikationen von Tugend und Laster — ein ausge-
sprochen „humanistisches" Ereignis (wie es umgekehrt ein kleiner, aber
bezeichnender Rückfall in mittelalterliche Sprach- und Denkgepflogen-
heiten ist, wenn Peter Vischer seine „Tugend" nicht „Virtus" sondern
„Virtutes“ benennt)2); und selbst der Holzschnitt des lateinischen Narren-
schiffs kann unter diesem Gesichtspunkt den Dokumenten einer „Re-
naissance"-Gesinnung zugezählt werden, — so sehr er auch in Stil,
Typenwahl und geistiger Auffassung dem Mittelalter verhaftet bleibt.
Um so aufschlußreicher ist es, diesem Holzschnitt eine Darstellung der
Hercules-Entscheidung gegenüber zu stellen, die ihm, wiewohl nur ein
oder zwei Jahre später entstanden, in jeder Beziehung entgegenge-
setzt ist, — so entgegengesetzt, daß ihre Zugehörigkeit zu diesem Dar-
stellungskreise bis heute verkannt werden konnte: den Kupferstich
B. 73 von Albrecht Dürer (Abb. 104).

1) Von den zahllosen bildlichen Darstellungen dieser Art seien nur die Virtus-Alle-
gorien Andrea Riccios genannt, vor allem das wunderbare Relief vom Grabmal della
Torre, auf dem die Überwindung des Todes durch die in der „Virtus“ begründete „Fama“
dargestellt ist (L. Planiscig, Andrea Riccio, 1927, S. 396ff., vgl. ferner die ebendort S. 455 ff.
behandelten Medaillen).

2) Vgl. oben S. 98. Noch Humanisten wie Lorenzo Valla und Alexander
Hegius bekennen sich ausdrücklich zu einer Vielheit von Tugenden, die der (weit
länger als selbstverständlich vorausgesetzten) Vielheit der Laster entspreche, da es
nicht einzusehen sei, „cur uni rectitudini Deus diversas pravitates voluerit esse con-
trarias“ (zit. nach Mestwerdt, a. a. O., S. 156, wo aber statt „diversas" irrtümlich
„duras“ steht). Vgl. dazu die S. i87ff. abgedruckte Allegorie des Filarete, der seiner
endlich gefundenen „Virtü in una sola figura“ noch immer ein s i e b e nfiguriges Laster-
Rad gegenüberstellt.
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