Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Page: 151
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Die Tugend-Bilder der mittelalterlichen Aristoteles-Handschriften

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Typus der Tugend-Darstellung herausgebildet, von dem unsere Abb. 99 ein
künstlerisch ungemein reizvolles Beispiel veranschaulicht: die um 1375
entstandene Miniatur1) zeigt die „Vertu“ als eine wohlgebildete, durch
Krone, Szepter und Blütenzweig ausgezeichnete Frau zwischen den bei-
den Formen des „Vice“, das auf der einen Seite in einem ungeschlachten
Riesen, auf der andern in einem buckligen Zwerg seine Verkörperung
findet; die beigegebenen Spruchbänder besagen in einer zum Teil etwas
mißverstandenen, hier rektifizierten Orthographie: „superhabundance
ou trop“, „le moien est ceste“ und „deffault ou peu“.

Solche und ähnliche Darstellungen2) lenken unsere Aufmerksamkeit
auf eine Frage, die, wie man glauben könnte, schon längst hätte gestellt
werden müssen: auf die Frage nach der mittelalterlichen Bild-
überlieferungder,,Virtus“. Die personifizierte,,Tugend'', die wir nun
in so vielen Darstellungen der Prodikosfabel in den verschiedensten Ge-
stalten auftreten sahen, die von der Kunst der Renaissance und des Barock
in immer neuen Variationen auf die Mauern und Leinwände gezaubert
wird, um alle möglichen feindlichen Mächte zu Boden zu schlagen und allen
möglichen Fürstlichkeiten segnend zur Seite zu stehen: wie ist diese
personifizierte „Tugend“ im Mittelalter künstlerisch gestaltet worden ?

Diese Frage bringt den Kunsthistoriker in eine eigentümliche Ver-
legenheit. Er erinnert sich sofort an zahllose Zyklen der 7 (oder 8 oder 12)
„Virtutes“ in Einzeldarstellungen; an die „Psychomachien“, in denen die
Tugenden zu Fuß oder zu Pferde, im Einzelkampf oder in geschlossenem
Heerzug wider die Laster streiten oder sie als schon überwundene zu ihren
Füßen haben; an die „Tugendleiter“ der Herrad von Landsberg3); an die
merkwürdigen „Arbores virtutum et vitiorum“, die gleichsam eine Genea-
logie der Einzeltugenden und Einzellaster veranschaulichen; an den,, Jardin
des vertus“, in dem jeder Tugend ein besonderer Baum entspricht4);

1) Brüssel, Bibliotheque Royale, Ms. 2902 (van den Gheyn), fol. 24 r. Die Hand-
schrift (ehemals Ms. 9505) ist von Delisle als das „große“ Aristoteles-Exemplar Karls V.
identifiziert worden; vgl. neuerdings E. van M06 in Les Tresors des Bibliotheques de
France, IX, 1929, S. iff.

2) Vgl. z.B. das Tugendbild auf fol. 24V der im Museum Meermanno-Westreenianum
bewahrten „kleinen“ Aristoteles-Handschrift Karls V. vom Jahre 1376 (ms. 10 Di;
vgl. van Moe a. a. O. und A. W. Bijvanck, Les principaux manuscrits a peintures de la
Biblioth. Royale des Pays-Bas et du Mus. Meermanno-Westreenianum, 1924, S. 110).
Genau wie in der Miniatur der Brüsseler Handschrift steht die „Vertu" zwischen dem
übergroßen „Exces“ und der zwerghaften „Deffaute", nur wird sie noch von zwei Neben-
figuren gestützt, die als ,,Bonnevolont6“ und „Cognoissance“ bezeichnet sind.

3) Hortus Deliciarum, Taf. 56, Molsdorf Nr. 1052.

4) Die Parallelisierung der Tugenden mit individuell bestimmten Pflanzen (auf Grund
von Ecclesiasticus XXIV, 17 ff.) wird auf einem Reliquiar des Darmstädter Museums durch-
geführt (Molsdorf Nr. 1054). Ferner vgl. A. Goldschmidt, Vortr. d. Bibi. Warburg, 1923/24,
Taf. VII.
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