Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Das ,,vevlandschaftlichte“ Pytkagoräische Y. Die pseudovivgilischen Verse (Maximinus) 67

At qui desidiam luxumque sequetur
inertem,

Dum fugit oppositos incauta mente
labores,

Turpis inopsque simul miserabile
transigit aevum.“1)

Wer aber in faulkeyt besteht
Und dem schnöden wollust nach
geht,

Sich vor der tugent arbeit hüt
Mit unfürsichtigem gemüt,

Der selbig arm, elend und schend-
lich

Verzeren rnusz sein alter endlich."2)

Versuchen wir, die durch diese beiden Texte vermittelte Raumvor-
stellung zu „realisieren“, so erhalten wir folgendes Bild: ein anfangs ein-
heitlicher Weg gabelt sich in zwei auseinanderführende Pfade; beide
haben eine gewisse Steigung zu überwinden (denn auch beim Lasterweg
wird von „ascensus“ gesprochen), d. h. sie führen zu zwei Anhöhen
hinauf; diese Anhöhen entwachsen einer gemeinsamen Basis (denn
sonst könnte der Weg zu Beginn nicht einheitlich sein), aber die Er-
hebung der Hügel ist ebenso ungleich, wie die Beschaffenheit der
Gabelwege; der linke verspricht ein sanftes Marschieren (,,molle iter“),
und bei geringerem Gefälle („devexior“), einen leichten Aufstieg
(„facilem ascensum“), um dann die Betrogenen in felsige Schluchten
zu schleudern; der rechte ist ein schmaler Steig („limes“, „callis“), der
— auf den ersten Blick einen schwierigen Zugang verheißend —
steil und mühsam („arduus“, „difficilis“), durch harte Stürze („duros
casus“) auf einen weit höheren Gipfel emporführt (,,in vertice summo“)

1) Anthologia Latina, 652 Riese (nicht bei Alpers). Auch die emblematischen Dar-
stellungen des 16. und 17. Jahrhunderts, innerhalb derer das Pythagoräische Y eine außer-
ordentliche Rolle spielt (vgl. L. Volkmann a. a. O. S. 123 und 64; danach unser Kopfstück
auf S. 37), fußen auf den Hexametern des Maximinus. Diese werden bei Ripa, der das Y
als Attribut des „Libero arbitrio“ verwendet, in italienischer Übersetzung in extenso
wiedergegeben, aber bereits als „dem Virgil zugeschrieben“ zitiert (danach auch bei
I. B. Bouchard, Iconologie, 1766, S. 156). Vincenzo Cartari (Imagini, S. 182 der Venezianer
Ausgabe von 1574) nennt sie dagegen noch als echt virgilisch, sieht sie aber bereits mit
der Prodikosfabel (die ihm aus Xenophon und Cicero bekannt ist) zusammen. Auch Pe-
trarca hat die pseudovirgilischen Verse in freierWeise benutzt (Epist. III, 32), nur daß
er dem Gedanken eine für ihn unendlich bezeichnende Wendung ins Melancholische gibt:

„Quid Samii senis in bivio deflectere cogit

Ad laevam, atque iter usque adeo contemnere dextrum ?

Excelso stat vita loco, nos ima sequentes
Vergimus ad mortem. Fulgentia sidera circum
Volvuntur lege aeterna, nos lumina proni

Figimus in terram, terrena semper amamus.

Sic suus urit amor, sic fert sua quemque cupido,

Sola iacet virtus, poterat quae sola beata
Efficere et vitae tranquillam sternere callem".

2) „Der buchstab Pitagore Y, bayderley strasz, der tugent und Untugend.“ Hans
Sachsens Werke, Bd. III, S. 92 ff.

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