Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

nesl) oder Rubens'2) hervorbringen konnte. Die Einwirkung des Parisurteils
auf die „Entscheidung des Hercules" konnte sich also im wesentlichen nur
darin bekunden, daß diese—von einzelnen Motivübernahmen abgesehen—
im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrzahl der Darstellungen in eine
exzentrische Komposition hineingezwungen wird, d. h., daß die Figur
des Hercules zwar mit den Frauengestalten in eine Reliefschicht Zusam-
mentritt, aber nicht symmetrisch von ihnen gerahmt wird, sondern ihnen
in mehr oder minder deutlicher Profilwendung gegenübersteht.

Wir kennen von solchen Darstellungen nur eine recht bescheidene An-
zahl, und auch diese kann sich insofern noch weiter vermindern, als minde-
stens in einem Falle die Deutung auf die Wahl
des Hercules einigermaßen zweifelhaft bleibt. Es
ist nämlich recht unsicher, ob ein Berliner Re-
naissance-Cameo, der einen halb vom Rücken
gesehenen, an eine Grenzsäule (oder einen Altar ?)
gelehnten Epheben einer nackten, ihm einen Apfel
darbietenden Frauengestalt und einem mit Füll-
horn, Schild und Forbeerzweig ausgestatteten
Jüngling gegenüberstellt, tatsächlich auf den jun-
gen Hercules bezogen werden darf, der zwischen
„Venus" und „Honos" zu wählen hätte3) (Text-
abb. 4); und auch der ebenso merkwürdige wie un-
geschickte Stich des Cristoforo Robetta4) bereitet, wenngleich hier die Be-
ziehung auf Hercules weniger zweifelhaft ist, der Deutung einige Schwierig-
keiten (Abb. 48). Wir sehen Hercules, noch ohne Löwenfell, aber durch eine
überlange Keule gekennzeichnet, in nachdenklicher Pose mit zwei vollkom-
men nackten Frauen konfrontiert, die aber deutlich voneinander unter-
schieden sind. Die „Wollust“ wird nicht nur durch ihre motivische Anglei-
chung an die bekannteVenus mit der Schamgebärde und durch die kunstvoll
geflochtenen Haare kenntlich gemacht5), sondern schon ihre Frontstel-
lung als solche soll durch das Zurschaustellen der Brüste verführerisch
wirken, während die „Tugend“ sich als gleichsam geschlechtsloser Rücken-
akt präsentiert und überdies durch ihre Aktion ihr Wesen bekundet: ihr
Blick begegnet dem des Hercules, und ihre Rechte scheint die nach dem
Jüngling greifende Hand der „Voluptas“ zurückzuschieben. Im übrigen
kargt der Künstler nicht mit Nebenfiguren: Eroten und Putten flattern

1) Singer a. a. O., Fig. 31.

2) Singer a. a. O., Fig. 36/37.

3) So bei L. Beger, Thesaurus Brandenburgicus, Bd. III, S. 205. Furtwänglers Ber-
liner Gemmenkatalog (Nr. 8839 mit Lichtdruck) enthält sich der Deutung.

4) B. XIII, S. 404, Nr. 20.

5) Vgl. darüber unten S. xio und passim.
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