Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

Wenn der Bericht über diese älteste Deutung zuverlässig ist1), würde
er uns sogleich einen Schritt weiter führen. Man müßte nämlich die Be-
zeichnung „Beltä disornata e Beltä ornata“ aus einer ganz bestimmten
Anschauung interpretieren, die schon in dem antiken Gegensatz zwi-
schen dem «puaixöv xaXXo<; und dem eTtsiaraxTov xa"Kkoc, zur Geltung ge-
kommen war, und die Leone Battista Alberti zum Renaissancedogma er-
hoben hatte: aus der Lehre von der Suprematie des Ungeschmückten
über das Geschmückte, der „pulchritudo innata“ über das „orna-
mentum“, dem der Charakter des Hinzugetanen und Aufgeklebten anhaf-
tet, und das wohl Unvollkommenheiten verhüllen, aber wahre Schönheit
nicht erhöhen kann, so daß es dem övt<pc, 6v als etwas Trügerisches ge-
genübertritt: ,,Ex his patere arbitror“, so heißt es in unverkennbarer Er-
innerung an Cicero (De Natura Deorum I, 79) „pulchritudinem quasi
suum atque innatum toto esse perfusum corpore, quod pulchrum sit, orna-
mentum autem afjicti et comftacti naturam sapere magis quam innati.“2)
So angesehen, würde die alte Benennung nicht nur den allegorisch-
symbolischen Charakter des Bildes wahrscheinlich machen, sondern,
darüber hinaus, auch die u. E. zu Unrecht bezweifelte Tatsache be-
stätigen, daß innerhalb der Allegorese die schmucklos nackte Ge-
stalt das höhere (um in der traditionellen Terminologie zu bleiben:
das „himmlische“), die reich geschmückte und bekleidete dagegen
das niedrigere („irdische“) Prinzip vertreten muß. Dieser Auffassung
entspricht es auch, wenn die nackte Frau eine Räucherschale (Gefäß
des himmlischen Feuers) emporhebt, während die gewandete die
eine Hand mit (vergänglichen) Blumen in den Schoß legt, die andere
auf ein goldenes, vermutlich mit irdischen Schätzen gefülltes Becken
stützt; wenn jene nur eine weiße Binde im Haare trägt, während
diese mit einem Myrtenkränze geschmückt ist („La corona di mirto
nota l’istesso <scih il piacerq) per essere dedicato a Venere e si dice
che quando ella s’espose al Giuditio di Paride, era coronata di questa

1) S. Francucci, La Galleria dell’ Illustrissimo . . . Sig. Scipione Cardinal Borghese
(1613), Arch. Vat., Fondo Borghese S. VI, T. 102; die Stelle wurde herausgehoben
von A. Venturi, II museo e la galleria Borghese (coli. Edelweiß), 1893, S. 103, und
danach wiedergegeben bei O. v. Gerstfeld, Steinmann-Gerstfeld und L. Förster a. a. O.
Doch darf nicht verschwiegen werden, daß Lionello Venturi 1. c. erklärt hat, aus dem
Manuskript des Francucci keine Aufklärung über das Tizianbild erhalten zu haben,
und daß auch Herr Dr. H. Brauer, der die Handschrift freundlicherweise durchsah,
eine ausdrückliche Beschreibung des Gemäldes nicht darin gefunden hat. Trotzdem wird
man nicht annehmen dürfen, daß A. Venturi die Stelle ganz aus der Luft gegriffen
habe, sondern vermuten dürfen, daß sie, als eine mehr beiläufige Äußerung, doch bei
Francucci irgendwo vorkommt. Eine persönliche Nachprüfung war dem Verf. leider nicht
möglich.

2) L. B. Alberti, De re aedif. VI, 2; vgl. Panofsky, Idea, S. 92.
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