Riegl, Alois
Die spätrömische Kunst-Industrie nach den Funden in Österreich-Ungarn im Zusammenhange mit der Gesamtentwicklung der Bildenden Künste bei den Mittelmeervölkern — Wien, 1901

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IV.
DIE KUNSTINDUSTRIE.

[ER Ausdruck, den das spätrömische Kunstwollen auf dem Gebiete der Kunstindustrie,
das ist gebrauchszwecklichen Schaffens, mit Ausschluss der Architektur, gefunden hat,
soll seine Darlegung wesentlich bloß an der Hand von Metallarbeiten empfangen.
Der Grund dieser Beschränkung liegt einerseits in der Unmöglichkeit, das ganze so vielseitige
spätrömische Kunstgewerbe in einem hauptsächlich der Lösung großer principieller Fragen gewid-
meten Bande zur Sprache zu bringen; anderseits in den glücklichen Eigenschaften der Metalle,
die fast sämmtliche stilistische Behandlungsweisen — sculpturale, plastische, malende, vertiefte —
zur Anschauung zu bringen gestatten. Der Stil, den die hellenistische Periode und die beginnende
römische Kaiserzeit auf diesem Gebiete in Anwendung brachten, war auf kräftige und reich
gegliederte krummflächige Formen gerichtet, deren Theile in der Fläche vollständig klar
zusammenhiengen; für solche Zwecke war die hochgetriebene Arbeit offenbar die passendste
Technik. Der Charakter des Wandels, der im antiken Kunstwollen ungefähr um Christi Geburt
eingetreten ist, wurde in dem Abschnitte über das Relief in der Hauptsache dahin formuliert, dass
nun die ununterbrochene tastbare Verbindung aller Theile in der Fläche nicht mehr als absolutes
und principielles Kunsterfordernis aufrechterhalten wurde, sondern eine Unterbrechung derselben
durch optische Pausen, über welche die geistige Erfahrung gleichsam die verbindende Brücke
schlug, für zulässig galt.

In der Steinsculptur ward diese Unterbrechung durch tiefschattende Rücksprünge herbei-
geführt; in den kunstgewerblichen Metallarbeiten ließ sie sich noch schärfer zum Ausdrucke
bringen mittels unmittelbarer Durchbrechung der Formen. Die durchbrochenen Metall-
arbeiten treten daher etwa gleichzeitig mit dem Beginne einer entschieden optischen Aufnahme
(also wahrscheinlich schon am Ausgange der hellenistischen Periode) auf, und lassen sich bis in
das siebente und achte Jahrhundert herab verfolgen. Da die Behandlung im einzelnen im Laufe
der vieljahrhundertelangen Entwicklung stets gewechselt hat, dürfen wir vom Studium dieser
durchbrochenen Arbeiten in höherem Maße als von irgend einem anderen Zweige des Kunst-
gewerbes einen aufklärenden Einblick in den inneren Verlauf und die denselben dictierenden
Gesetze der Entwicklung, vom Beginne der römischen Kaiserzeit bis an das Ende der spät-
römischen Periode überhaupt, erwarten. Andere Arbeiten hatten den Zweck, die Unterbrechung
des taktischen Zusammenhanges der Theile in der Fläche nicht geradewegs mittels Durch-
brechung, sondern mittels eines beständigen optischen Wechsels von beleuchteten und

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