Rott, Hans ; Rott, Hans [Hrsg.]
Quellen und Forschungen zur südwestdeutschen und schweizerischen Kunstgeschichte im XV. und XVI. Jahrhundert (Band 1, Text): Bodenseegebiet — Stuttgart, 1933

Seite: 146
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RAVENSBURG, BIBERACH, LINDAU, WANGEN U. 1SNY

RAVENSBURG, BIBERACH, LINDAU, WANGEN UND ISNY

Kaum eine andere Stadt Südwestdeutschlands von der einstigen wirtschaft-
lichen und handelsgeschichtlichen Bedeutung wie Ravensburg ist heute gleich
dieser dermaßen arm an mittelalterlichen Kunstdenkmälern, namentlich auf
dem Gehiet der Tafelmalerei und Plastik1, hei keiner wissen wir so wenig üher
das eigentliche Schaffen ihrer verhältnismäßig recht zahlreichen Meister. Wenn
hier um die Mitte des 15. Jahrhunderts eine Persönlichkeit von der künstle-
rischen Qualität eines Jost Ammann sich heranbilden und entfalten konnte", so
bleibt doch nur der Schluß übrig, daß damals das Kunstleben am Ort in einer
Weise blühte, wie es sonst wohl einzig in Ulm und Konstanz der Fall war.
Darauf deuten auch ganze Malergeschlechter wie die Familien der Goldschmied
und Bader und die Menge der Goldschmiede, die in dieser oberschwäbischen
Beichsstadt sich dauernd niedergelassen hatten. Bemerkenswert ist weiterhin,
daß eine Beihe von spätem Bavensburger Meistern, wie Lutersee, Goldschmied
und Bader ihre Gesellenzeit, anstatt in der schwäbischen Kunstzentrale Ulm, zu
Zürich abdienten und der weitbekannte Bildschnitzer Jakob Büß den größten
Teil seines Lebens in der Schweiz verbrachte.

Leider sind wir z. Zt. noch ganz im unklaren darüber, in welchem Umfang Ba-
vensburger Künstler für die umliegenden Klöster Weingarten3, Baindt, Alts-
hausen, Weißenau, Höfen und Löwental und für die benachbarten, bedeutenden
Adelsfamilien der Montfort zu Tettnang und der Truchsessen von Waldburg
tätig waren. Es ist wenigstens von dem Maler Peter Tagbrecht, dem Hausnach-
barn der Ankenreute und Hummelberg, und dreißig Jahre lang hier ansässigen
Meister zu vermuten, daß er als geschätzter Künstler bei den einzelnen Gliedern
des Hauses Waldburg in Diensten stand, wie er auch von der Stadt Konstanz
als Sachverständiger aufgerufen wurde, als es zwischen Hans Truchsess d. J. und
dem Konstanzer Maler und Glasmaler Konrad Urendorf zu einem Becbtsstreit
wegen dessen Ablohnung aus einem künstlerischen Auftrag gekommen war4.
Neu und kunstgeschichtlich wichtig ist die Mitteilung der Quellen, daß der
neuerdings mehrfach behandelte Maler Ulrich Mair von Kempten jahrelang als
Meistergeselle in der Werkstatt des Bavenshurger und Churer Bildhauers Jakob
Ruß beschäftigt war', ein deutlicher Hinweis, wie die Unternehmerwerkstätten

1. Die Kunst- und Altertumsdenkmäler in Württemberg, Donaukreis, Oberamt Ravensburg.
1931, p. 6 f und 15 f.

2. Siehe über ihn oben unter Konstanz.

3. Vgl. die Künstereinträge in die Liste der Sebastiansbruderschaft zu Weingarten, Qu. p.
172, 174.

4. Qu. p. 17. —■ Mit einigem Vorbehalt möchte ich Peter Tagbrecht die oberschwäbischen Hei-
ligentafeln nr. 84/85 der Stuttgarter und nr. 50—53 der Karlsruher Galerie zuweisen.

5. Über den seit 1479 in Ravensburg nachweisbaren Jak. Ruß, den Meister der Überlinger
Ratsstube, des Churer Hochaltars u. a. im Zusammenhang unten bei Chur.
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